Mit geheimnisvollen und schwer verständlichen Motiven beherbergt Aliide Truu eine junge Frau, die sie als verwahrlostes Bündel 1992 in ihrem Garten auf dem Land in Estland entdeckt hat. Zara wirkt verängstigt, verdreckt und sehr stumm. Hin und her gerissen von dem Wunsch, sie loszuwerden und ihr Schutz zu bieten, entfaltet die Autorin vor uns das Zerrbild einer politischen Entwicklungsgeschichte, die mit der dramatischen Vergangenheit beider Frauen zu tun hat. Wechselnde Jahreszahlen über den Kapiteln beleuchten wechselnde politische Zustände in einem Land, das einmal von den Russen eingenommen, dann von den Deutschen zurückerobert und zuletzt wieder dem Sowjetreich einverleibt wurde. Nach der Wiedereroberung durch die Russen nahm Stalin bittere Rache an jenen, die mit der Kooperation der Deutschen zu deren Siegen beigetragen hatten.
Im Klima wechselnder politischer Einflussnahmen spiegelt sich das Schicksal von Aliide und Zara. Sie waren immer die Leidtragenden, wenn es um Macht und Vorteilsnahme ging. Frauen boten zu allen Zeiten das Beutegut, derer man sich bediente, um zu demütigen und Herrschaft auszuüben. Sie besonders waren der Willkür männlicher Vorherrschaft ausgesetzt. Zur Zeit des Romanbeginns befindet sich Zara auf der Flucht vor ihren Zuhältern, in deren Fänge sie geraten wart. Aliide kennt die Angst, die Bedrohung und die Wechselfälle des Lebens, in denen sie um ihr Leben und ihr Unterkommen kämpfen musste. Das beider Leben in tragischer Weise verbunden ist, erfahren sie erst ganz allmählich.
In schillernden Bildern sieht man die Frauen auf der Flucht und unter der Zwangsherrschaft brutaler Männer. Wie aber fügte das Leben die Schicksale von Aliide und Zara zusammen?
Mit Spannung folgt man den Ausflügen in die Vergangenheit, die am Ende ein erstaunliches Resümee der beiden Lebenswege zulässt.
Die sparsame Sprache und nüchterne Diktion lässt der Fantasie freien Lauf, sich in das Leben der beiden Protagonistinnen einzufühlen. Einmal herbe, kalt und abweisend, dann wieder erschütternd in seiner Grausamkeit, seziert die Autorin nüchtern und klar, wie es in der Welt der Männer und ihrer Vorherrschaft zugehen kann. In dieser Welt kann man nicht heimisch werden; sie bleibt mit den Wunden, die darin entstanden sind, für immer verbunden.
Sofi Oksanen lebt in Finnland, wo sie mit ihrem Roman die Bestsellerlisten erobert.