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Im Herzen von Afrika

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Produktdetails

Titel: Im Herzen von Afrika
Autor/en: Georg Schweinfurth

EAN: 9788074841729
Format:  EPUB
e-artnow

16. August 2013 - epub eBook - 308 Seiten

Dieses eBook: "Im Herzen von Afrika" ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Georg August Schweinfurth (1836 - 1925) war ein deutscher Afrikaforscher. Inhalt: 1. Die ersten Abenteuer mit Büffel und Bienen 2. Ein weiblicher Häuptling 3. Das Land, wo Milch und Honig fließt. 4. In zweifelhafter Gesellschaft. 5. Ein seltsames Hirtenvolk. 6. Schwarze Schmiedekünstler. 7. Ein dem Untergang geweihtes Volk. 8. In einem unglücklichen Land. 9. Mohammeds Strafpredigt. 10. Tod dem Blattfresser. 11. Im Lager des Verräters. 12. Das Volk der Niamniam, der "Vielfresser". 13. Der rätselhafte Strom. 14. Beim König der Mangbattu. 15. Der tanzende König. 16. Ein irdisches Paradies und seine Bewohner. 17. Die ersten Zwerge. 18. Der Überfall. 19. Ein luftiger Flußübergang. 20. Der unglücklichste Tag meines Lebens. 21. Zum Fürsten der Sklavenhändler. 22. Traum und Wirklichkeit. 23. Ein lustiges Völklein. 24. Der Sklavenhandel 25. Überraschende Nachrichten aus Europa. 26. Scharfe Maßregeln gegen den Menschenhandel. 27. In die Heimat!

2. Ein weiblicher Häuptling




Am 24. Januar 1869 wurde Faschoda erreicht, damals der südlichste Grenzwaffenplatz des ägyptischen Reiches. Heute heißt der Ort Kodok, um die französische Empfindlichkeit zu schonen; in Faschoda hatte nämlich 1898 Frankreich eine schwere Kränkung durch die Engländer erfahren.

Auf der am 1. Februar angetretenen Weiterreise lernte ich den Kaufmann Mohammed Abd-es-Ssammat kennen, jenen hochherzigen Nubier, der so großen Einfluß auf mein Unternehmen auszuüben bestimmt war und der mehr dafür geleistet hat, als alle Machthaber des Sudan es vermochten. Gleich bei der ersten Begegnung forderte er mich auf, ihn als sein Gast bis zu den entferntesten Völkern zu begleiten, eine Aussicht, die mich auf das freudigste erregte. Mohammed stammte aus dem nördlichsten Teil des nubischen Niltals und war in seiner Art ein kleiner Held, der sich mit dem Schwert in der Hand Ländergebiete erobert hatte, die an Umfang manchen kleinen Staat in Europa übertrafen. Der unternehmende, keine Gefahren, Mühen und Opfer scheuende Kaufmann, der nach den Worten des Horaz zu den äußersten Indern wandert, um über Meere und Länder der Armut zu entfliehen, schien gleichsam die geistige Verwandtschaft zu ahnen, die er mit dem Gelehrten teilte, der im Dienst der Wissenschaft ferne Länder durchreist, um die Wunder der Welt zu schauen. Durchwandert die Welt und erfreut euch der herrlichen Dinge, die ich erschaffen!, sagt der Koran.

Wir hatten warten müssen, bis andere Barken zu uns stießen, denn vorher schien die Mannschaft nicht genügend stark zu sein zum Schutz gegen Angriffe des noch nicht unterworfenen Teils der Schilluk. Sie war auch nicht zahlreich genug, um allein die schweren Hindernisse zu überwinden, die der Ssudd, die Grasbarre, in Aussicht stellte. Diesen Ssudd habe ich gründlich kennen gelernt, als wir in die Sumpfdickichte der westlichen Zuflüsse des Weißen Nil einboge
n.

Tagelang befand sich die Barke in einem Gewirr von Kanälen und schwimmenden Grasmassen, Papyrus-und Ambatschdickichten, die die ganze Breite des Hauptstroms bedeckten. Papyrus ist das bis zu fünf Meter hohe, aus dem Altertum bekannte Riedgras, von dem das Papier seinen Namen hat, Ambatsch eine Pflanze von außergewöhnlich leichtem schwammigem Holz, die sechs Meter hoch werden kann. Hin und wieder bricht sich in engen Rissen die Gewalt des Wassers Bahn, aber diese Kanäle entsprechen nicht immer den Tiefenlinien des Strombettes und sind daher nur selten für Barken passierbar. Ein beständiges Ziehen und Drängen der Massen verändert sie alljährlich in so hohem Grad, daß selbst der erfahrenste Schiffer sich nicht in ihnen zurechtzufinden weiß. Im Winter muß er bei jeder Fahrt sich aufs neue durch ein labyrinthisches Fahrwasser winden. Im Juli dagegen, wenn der Fluß seinen höchsten Wasserstand erreicht hat, sind für die Talfahrt alle jene Kanäle wohl zu benutzen.

Dichte Massen einer auf den freien Stellen der Wasserfläche schwimmenden Vegetation von kleinen Kräutern bilden einen grützeartigen Brei, der die Vereinigung der Grasmassen zu vollständigen Decken sehr erleichtert. Wie ein fest verbindender Kitt verstopft dieser Brei von Kräutern alle Spalten und Löcher zwischen den Gras-und Ambatschinseln, die sich an den Stellen der Hinterwasser anhäufen, wo sie den Winden oder der Strömung minder zugänglich sind.

Am 8. Februar begann der eigentliche Kampf mit dieser Welt von Gras. Den ganzen Tag verbrauchten wir in einem mühsamen Durchzwängen der Barken durch die zeitweilig gebildeten Stromarme. 200 Bootsleute und Soldaten mußten viele Stunden lang im Wasser an Seilen ziehen, um eine Barke nach der andern durchzubringen. Dabei schritten sie selbst auf dem Rande der schwimmenden Grasdecken einher, die streckenweise sogar ganze Rinderherden zu tragen vermochten.


Im Gefängnis des Ssudd


Es war ein eigentümli
ches Schauspiel, die zarten wie eingewachsen in diesen Dschungeln von bis zu fünf Meter hohem Papyrus zu erblicken, dazu die nackten Bronzegestalten der schwarzbraunen Nubier die sich aus dem freudigen Grün der Umgebung lebhaft abhoben. Das Geschrei und Gejauchze, mit dem sie sich die Arbeit zu erleichtern glaubten, hallte meilenweit durch die Lüfte. Schnaubend streckten Nilpferde die Köpfe aus dem Wasser. Die Schiffer, in Besorgnis, die Tiere möchten mit der Wucht ihrer Leiber die Schiffswände einrennen, was schon vorgekommen war, entfesselten zur Abwehr die volle Kraft ihrer Kehlen.

Schon 1863 hatte sich hier die Grasbarre gebildet, die noch im Sommer 1872 in ihrer vollen Stärke angetroffen wurde, und hier war der Schiffahrt wiederholt ein für Monate unüberwindlicher Damm gezogen, ein Umstand, der die Mannschaften mancher Barken der größten Not preiszugeben drohte, sobald die Vorräte verzehrt waren.

Mühsam arbeiteten wir uns mehrere Tage lang vorwärts. Durch einen vom verstopften Hauptarm sich abzweigenden Seitenarm allein war man imstand, bis zur Einmündung des Gazellenstroms vorzudringen.

Am 11. Februar ging es im offenen Fahrwasser glücklich weiter. Nicht lange, denn der Hauptarm verzweigte sich von neuem zu einem Wirrsal von Kanälen, und, nach erneuten nutzlosen Versuchen vorzudringen, machten am folgenden Tag alle Barken kehrt, um ihr Heil in einem andern, nach Norden zu sich öffnenden Kanalnetz zu versuchen. Am fünften Tag hatten wir mit Mühe und Not ein großes offenes Becken erreicht und nur noch eine Strecke von 60 Metern zu überwinden, um jenen Sammelplatz sämtlicher Gewässer im obern Nil zu gewinnen, der auf den Karten als No-See sich eingebürgert hat, aber von den Schiffern Magren-el-Bohur, die Mündung der Ströme, genannt wird. Es war das böseste aller Hindernisse, das uns hier die Graswelt entgegenstellte. Die breiten Bäuche der mit Korn belasteten, ungemein massig gezimmerten Barken mußten buchstäblich über das plattgedrückte Gras
geschleift werden. Ich blieb als der einzige an Bord zurück. Den vereinigten Anstrengungen aller gelang es, die Überwindung dieser Grasmasse in einem Tag zu erzwingen.

Mit gutem Wind ging es rasch stromaufwärts, solange die nordwestliche Richtung des Fahrwassers anhielt. Allein der immer mehr sich verschmälernde Hauptkanal beschrieb außerordentlich häufige und kurzabgebrochene Bogenlinien, die durch Stoßen und Schieben der Barken vermittels Stangen überwunden werden mußten. Die scheinbaren Ufer bestehen auch hier aus schwimmenden Grasdecken, weiter landeinwärts dagegen verraten weidende Herden der Dinka das Festland.

Der Bahr-el-Ghasal hat sein Widerspiel in Europa: an manchen Stellen vermittelt die Havel zwischen Potsdam und Brandenburg mit ihrer Unmasse schwimmender Gewächse eine sehr gute Vorstellung von ihm; auch die Mehrzahl der Pflanzengattungen, nicht Arten, hat die Havel mit dem afrikanischen Fluß gemein. Häufig beträgt die Breite des offenen Wassers nur die einer Barkenlänge, die große, von den längsten Stangen nicht erreichte Tiefe verrät aber den Wasserreichtum, den rechts und links ein paar hundert Schritt weit die Grasdecke verbirgt. Zur Zeit des Hochwassers dagegen ist alles, was jetzt als Land erscheint, ein unermeßlicher See.

Das, was die Schiffer Bahr-el-Ghasal nennen, bezeichnet nur die Wasserstraße bis zum Ende ihrer Schiffbarkeit, nicht einen Strom in wissenschaftlichem Sinn, denn ihn müßte man eher Bahr-el-Arab oder Bahr-el-Djur nennen, da diese beiden Flüsse zu seiner Entstehung Veranlassung geben, beide auch über ein weitverzweigtes Netz stattlicher Nebenflüsse verfügen.

Ich habe im Ssudd noch erträgliche Bedingungen gefunden. Welche Schrecken aber hier lauerten, hat etwa ein Jahrzehnt später ein grausiges Ereignis gezeigt. Als 1880 der Gouverneur der Provinz Bahr-el-Ghasal, der Italiener Romolo Gessi, nach Chartum zurückkehrte, blieb seine Flottille in der Sumpfvegetation fast vier volle Monate lang hilflos stecke
n. Hunderte von Menschen, abgeschnitten von aller Verbindung mit dem festen Lande, versuchten sich von den Wurzelstöcken der Seerosen zu ernähren und mußten elendiglich verhungern. Nur mit einem Bruchteil seiner Leute ist Gessi diesem Schicksal entgangen, aber wenige Monate darauf starb auch er infolge der ausgestandenen Entbehrungen.

Allmählich wurde das Fahrwasser besser, und am 22. Februar landete ich bei der sogenannten Meschra-el-Rek, dem Rek-Hafen, nach einem benachbarten Negerstamm benannt. Die Meschra ist der Halteplatz aller den Bahr-el-Ghasal befahrenden Barken und liegt in einem Gewirr von kleinen Inseln. Diese einzige Ausschiffungsstelle aller vom Bahr-el-Ghasal ausgehenden Expeditionen war damals von 18 Chartumer Barken besucht, die, halb vergraben in Schlamm und Ton, in den Uferdickichten von Papyrus fest eingekeilt lagen. Es fehlte dieser Inselwelt nicht an landschaftlichen Reizen, und mit den Dinkanegern der Umgebung bestand ein friedliches Verhältnis.

Eine der einflußreichsten Personen des benachbarten Dinkastamms der Lao war eine bereits bejahrte Frau namens Schol, die in der Meschra eine Art Häuptlingsrolle spielte. Eine solche Stellung knüpft sich bei dem patriarchalischen Zuschnitt des Lebens der Hirtenvölker stets an den Reichtum. Worte reichen nicht aus, die Häßlichkeit der Schol zu schildern: ein nacktes, von runzlig zäher Negerhaut umhüllten, wackelndes und geknicktes Beingerüst, zahnlos, mit dünnen, schmierigen, fettgetränkten Haarstränen, um die Hüften einen Schurz von gleichfalls fettgetränktem Schafleder, dessen Kanten mit weißen Glasperlen und Eisenringen umsäumt waren, an Hand-und Fußgelenken ein Arsenal von Eisen-,...


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