eBook.de : Ihr Online Shop für eBooks, Reader, Downloads und Bücher
Connect 01/2015 eBook-Shops: Testsieger im epub Angebot, Testurteil: gut Die Welt: Kundenorientierte Internetseiten Prädikat GOLD
+49 (0)40 4223 6096
€ 0,00
Zur Kasse

Der Richter

Roman. Originaltitel: The Summons. 'Heyne-Bücher Allgem…
Sofort lieferbar
Taschenbuch
Taschenbuch € 9,99* inkl. MwSt.
Portofrei*
Dieses Taschenbuch ist auch verfügbar als:

Produktdetails

Titel: Der Richter
Autor/en: John Grisham

ISBN: 345386980X
EAN: 9783453869806
Roman.
Originaltitel: The Summons.
'Heyne-Bücher Allgemeine Reihe'.
Übersetzt von Heiner Friedlich, Bernhard Liesen, Bea Reiter
Heyne Taschenbuch

1. Mai 2003 - kartoniert - 416 Seiten

Spannung hat einen Namen - John Grisham

Ein Juraprofessor an der Universität von Virginia wird urplötzlich mit seiner Vergangenheit und der seiner Familie konfrontiert, als ihn sein kranker Vater ruft, um gemeinsam mit seinem Bruder das Erbe zu regeln. Doch bei der Ankunft ist der alte Herr bereits tot. Längst gebannte Geister kehren wieder zurück und bringen schockierende Geheimnisse ans Tageslicht.


1




Da der Richter fast achtzig Jahre alt war und der modernen Technik misstraute, kam sein Brief auf dem guten alten Postweg. Für E-Mails oder Sendungen per Fax hatte der greise Mann nichts übrig. Einen Anrufbeantworter benutzte er nicht; selbst das Telefon war ihm immer unsympathisch gewesen. Seine Briefe tippte er im Zwei-Finger-Suchsystem auf einer altersschwachen Underwood-Schreibmaschine, die auf einem ebenfalls betagten Sekretär mit Rollverschluss thronte. An der Wand dahinter hing ein Porträt von Nathan Bedford Forrest. Der Großvater des Richters hatte im Amerikanischen Bürgerkrieg mit Forrest in der Schlacht von Shiloh und vielen anderen Orten im tiefen Süden gekämpft, und es gab keine historische Persönlichkeit, die der Richter mehr verehrte. Zweiunddreißig Jahre lang hatte er sich ohne weitere Begründung standhaft geweigert, am 13. Juli, Forrests Geburtstag, seinen Amtsgeschäften nachzukommen.
Mit dem Brief des Richters kamen ein weiteres persönliches Schreiben, eine Zeitschrift sowie zwei Rechnungen. Alle Sendungen waren wie üblich in Professor Ray Atlees Postfach in der juristischen Fakultät deponiert worden. Solange Ray zurückdenken konnte, waren Kuverts wie dieses ein Teil seines Lebens gewesen, und folglich wusste er sofort Bescheid. Der Absender war sein Vater, den auch er nur den Richter nannte.
Weil er unschlüssig war, ob er den Brief sofort öffnen oder noch etwas warten sollte, betrachtete Professor Atlee das Kuvert einen Augenblick lang. Gute Nachrichten oder schlechte? Bei seinem Vater konnte man das nie wissen, auch wenn der alte Mann todkrank war und gute Nachrichten selten geworden waren. Der dünne Umschlag schien nur einen Briefbogen zu enthalten, aber auch das war nichts Ungewöhnliches. Obwohl der alte Atlee einst wegen seiner wortreichen Strafpredigten bei Gericht bekannt gewesen war, ging er in schriftlicher Form äußerst sparsam mit Wörtern um.
Sicher war, dass es sich um einen Brief von einigerma
ßen wichtiger Natur handelte. Der Richter hasste Smalltalk, Tratsch und müßiges Geschwätz, gleichgültig ob mündlich oder schriftlich. Wenn man mit ihm auf der Veranda Eistee trank, wurde der Amerikanische Bürgerkrieg rekapituliert, vornehmlich die Schlacht von Shiloh. Stets gab der Alte General Pierre G. T. Beauregard die Schuld an der Niederlage der Konföderierten, weil der sich seiner Ansicht nach zu fein gewesen war, sich die blank gewienerten Stiefel schmutzig zu machen. Sollte der Richter den General zufällig im Himmel treffen, würde er ihn selbst dort noch hassen.
Denn schon bald würde der alte Atlee nicht mehr unter den Lebenden weilen. Er war neunundsiebzig Jahre alt, hatte Magenkrebs, war übergewichtig und Diabetiker und rauchte unablässig Pfeife. Dazu kamen ein schwaches Herz, das bereits drei Infarkten getrotzt hatte, und eine Reihe weniger schwerer Leiden, die ihn schon seit zwanzig Jahren quälten und sich jetzt anschickten, seinem Leben ein Ende zu machen. Die Schmerzen gönnten ihm keine Ruhepause mehr. Vor drei Wochen, bei ihrem letzten Telefonat, das auf Rays Initiative zustande gekommen war, weil der alte Mann Ferngespräche für Geldschneiderei hielt, hatte die Stimme des Richters schwach und arg mitgenommen geklungen. Das Gespräch hatte keine zwei Minuten gedauert.
Die Absenderangabe war mit Goldprägung auf das Kuvert gedruckt: Chancellor Reuben V. Atlee, 25. Chancery District, Ford County, Gerichtsgebäude, Clanton, Mississippi. Nachdem er den Umschlag in die Zeitschrift geschoben hatte, setzte sich Ray in Bewegung. Mittlerweile war sein Vater nicht mehr Vorsitzender Richter des Chancery Courts, eines Gerichts für Zivilsachen. Vor neun Jahren hatten ihn die Wähler in Pension geschickt, und von dieser bitteren Niederlage würde sich der alte Atlee nie erholen. Zweiunddreißig Jahre lang hatte er gewissenhaft seine Pflicht erfüllt - und dann jagten ihn die Wähler aus dem Amt und gaben einem jüngeren Kandidaten, der mit Wahlkampfspots im Radio
und im Fernsehen für sich geworben hatte, den Vorzug. Der Richter hatte sich geweigert, ebenfalls eine Wahlkampagne zu führen, und behauptet, durch seine Arbeit zu sehr in Anspruch genommen zu sein. Außerdem verließ er sich darauf, dass ihn die Menschen kannten. Wenn sie ihn also erneut wählen wollten, würden sie das auch tun. Vielen erschien diese Strategie damals als arrogant. In Ford County ging seine Rechnung auf, doch in den anderen fünf Landkreisen musste er vernichtende Niederlagen einstecken.
Bis man den alten Atlee dazu gebracht hatte, endlich sein Büro im zweiten Stock des Gerichtsgebäudes zu räumen, gingen drei volle Jahre ins Land. Das Büro hatte ein Feuer überdauert und war bei zwei Renovierungen des Gebäudes nicht berücksichtigt worden, da der Richter sich weigerte, Anstreicher oder Handwerker in sein Refugium zu lassen. Erst als die County-Offiziellen ihm klar machten, dass er das Büro verlassen oder im Zuge einer Zwangsräumung mit dem Rauswurf rechnen musste, packte der Richter endlich seine Sachen. Nachdem er mittlerweile nutzlos gewordene Akten aus drei Jahrzehnten, Notizen und verstaubte alte Bücher in Pappkartons verstaut und damit in sein Haus transportiert hatte, stapelte er sie in seinem Arbeitszimmer. Als dort kein Platz mehr war, benutzte er den Flur zum Esszimmer und sogar die Diele.
Ray nickte einem im Korridor sitzenden Studenten zu und sprach vor seinem Büro kurz mit einem Kollegen. Dann trat er ein, verschloss die Tür und legte die Post auf seinen Schreibtisch. Nachdem er das Jackett ausgezogen und an einen Haken an der Tür gehängt hatte, stieg er über einen Stapel dicker juristischer Fachbücher, die ihm schon seit über einem halben Jahr im Weg lagen. Dabei wiederholte er seinen täglichen Schwur, endlich sein Büro aufzuräumen.
Der Raum war etwa sechzehn Quadratmeter groß. Es gab einen kleinen Schreibtisch und ein kleines Sofa, und auf beiden stapelte sich genügend unerledigte Arbeit, um Ray als einen sehr beschäftigte
n Mann erscheinen zu lassen. Doch das war er nicht. Im Sommersemester lehrte er lediglich über einen Paragrafen des Kartellrechts. Außerdem sollte er ein Buch schreiben, einen weiteren langweiligen, weitschweifigen Wälzer über die Monopolproblematik, den niemand lesen, der sich aber neben dem Vorgängerwerk gut machen würde. Zwar hatte Ray eine feste Anstellung als Professor, aber genau wie für alle anderen seiner seriösen Kollegen galt auch für ihn die Maxime Wer schreibt, der bleibt, die das akademische Leben heute dominierte.
Ray setzte sich an seinen Schreibtisch und räumte lästige Papiere aus dem Weg.
Dann studierte er die auf das Kuvert geschriebene Adresse: Professor N. Ray Atlee, Universität von Virginia, Juristische Fakultät, Charlottesville, Virginia. Die Buchstaben E und O drängten sich zu dicht an ihre Nachbarn, ein neues Farbband wäre schon vor einem Jahrzehnt fällig gewesen. Auch von Postleitzahlen hielt Atlee senior nichts.
Das N stand für Nathan, als Reminiszenz an den Bürgerkriegsgeneral, aber das wusste kaum jemand. Bei einer der heftigeren Auseinandersetzungen mit seinem Vater war es um die Entscheidung des Sohnes gegangen, auf Nathan zu verzichten und sich nur als Ray durchs Leben zu schlagen.
Der Richter schickte seine Briefe stets an die juristische Fakultät, nie an die Privatadresse seines Sohnes in der Innenstadt von Charlottesville. Imposante Adressen gefielen dem alten Mann, und alle in Clanton, selbst die Angestellten der Post, sollten wissen, dass sein Sohn Juraprofessor war. Allerdings war das überflüssig. Mittlerweile lehrte und publizierte Ray seit dreizehn Jahren, und die Leute, die in Ford County wirklich eine Rolle spielten, wussten längst Bescheid.
Nachdem er das Kuvert geöffnet hatte, entfaltete er den Briefbogen, auf dem gleichfalls in pompöser Goldprägung der Name, der frühere Titel und die ehemalige berufliche Adresse des Richters prangten. Auch hier fehlte die Postleitzahl. Offenbar hatte der alte
Mann einen unerschöpflichen Vorrat von diesem Briefpapier und diesen Kuverts.
Das Schreiben richtete sich an Ray und dessen jüngeren Bruder, Forrest, die einzigen Kinder einer unglücklichen Ehe, die im Jahr 1969 durch den Tod ihrer Mutter zu Ende gegangen war. Der Brief war kurz - wie üblich:




Trefft bitte entsprechende Vorkehrungen, am Sonntag, den 7. Mai, um 17.00 Uhr in meinem Arbeitszimmer zu erscheinen, damit ich mit euch über mein Erbe reden kann. Mit freundlichen Grüßen, Reuben V. Atlee.




Die unverwechselbare Unterschrift war kleiner als früher und verriet eine zittrige Hand. Jahrelang hatte sie auf gerichtlichen Verfügungen und Urteilen geprangt und so den Verlauf zahlloser Leben verändert. Scheidungen, Fürsorgerechtsfälle, die Aussetzung elterlicher Rechte, Adoptionsangelegenheiten, Streitigkeiten über Erbschaften, Wahlen oder Grund und Boden - alles war dabei gewesen. Die Unterschrift des Richters hatte einst von Autorität gekündet und war wohl bekannt. Jetzt war sie für Ray nur noch das entfernt vertraute Gekritzel eines schwer kranken, alten Mannes.
Krank oder nicht, Ray wusste, dass er sich zum vorgesehenen Zeitpunkt im Arbeitszimmer seines Vaters einfinden würde. Er war sozusagen vorgeladen worden, und so ärgerlich das auch sein mochte, er hegte keinerlei Zweifel daran, dass er und sein Bruder dem Ruf des Familiengerichts folgen würden, um sich eine weitere Strafpredigt anzuhören. Es war typisch für den Richter, dass er sich einfach einen ihm genehmen Tag heraussuchte, ohne vorher anzufragen.
Es entsprach nun einmal der Natur des Alten - und vermutlich auch der der meisten seiner Richterkollegen -, Termine festzusetzen, ohne sich groß darum zu scheren, ob sie anderen passten oder nicht. Hatte man es ständig mit vollen Terminkalendern, zögerlichen Prozessparteien und überarbeiteten oder faulen Rechtsanwälten zu tun, gewöhnte man sich eine solche Strenge an, und vielleicht war sie sogar no
twendig. Doch der Richter hatte sich in Bezug auf seine Familie schon immer beinahe genauso wie in seinem Gerichtssaal verhalten. Und das war der entscheidende Grund, weshalb sein Sohn Ray Professor der Rechtswissenschaften in Virginia war und nicht als Anwalt in Mississippi praktizierte.
Ray las die Vorladung noch einmal und legte den Brief dann auf einen Stapel anderer Unterlagen, um die er sich noch kümmern musste. Dann ging er zum Fenster und blickte in den Hof hinaus, wo alles blühte. Er war weder wütend noch verbittert, sondern lediglich frustriert, dass sein Vater ihm immer noch seinen Willen aufzwingen konnte. Aber er sagte sich, dass der Richter ein Todgeweihter war und er ihm diese Behandlung nachsehen sollte. Viele Reisen nach Hause würden ohnehin nicht mehr auf dem Programm stehen.
Mit dem Erbe des Richters verhielt es sich rätselhaft. In erster Linie ging es um das aus der Zeit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg stammende Haus, das jener Atlee erbaut hatte, der später an der Seite von General Forrest in den Kampf gezogen war. Dann war das Anwesen von Generation zu Generation vererbt worden. In einer schattigen Straße der Altstadt von Atlanta wäre das Haus über eine Million Dollar wert gewesen, nicht aber in Clanton. Es lag inmitten von fünf vernachlässigten Grundstücken, etwa drei Häuserblocks vom zentralen Platz der Stadt, dem Clanton Square, entfernt. Böden und Decken verzogen sich, das Dach war undicht, und seit Rays Geburt hatte es keinen neuen Anstrich mehr gesehen. Vielleicht konnten sein Bruder und er das Haus für einhunderttausend Dollar verkaufen, doch der Käufer würde die doppelte Summe investieren müssen, um es wirklich bewohnbar zu machen. Von den beiden Brüdern würde keiner jemals wieder darin leben. Schon jetzt hatte Forrest jahrelang keinen Fuß mehr in das Gebäude gesetzt.
Seinerzeit war das Haus auf den Namen Maple Run getauft worden, als wäre es ein großartiger Landsitz mit Dienerschaft, in dem ein gesellschaftliches E
reignis auf das andere folgte. Die letzte Angestellte war ein Dienstmädchen namens Irene gewesen. Seit sie vor vier Jahren gestorben war, waren die Zimmer nicht mehr gesaugt und die Möbel nicht mehr poliert worden. Der Richter zahlte einem ortsansässigen Kleinkriminellen zwanzig Dollar pro Woche, damit er den Rasen mähte. Erst nach langem Zögern hatte er sich darauf eingelassen. Achtzig Dollar pro Monat - in seinen Augen war das Diebstahl.
Als Ray ein Kind gewesen war, hatte seine Mutter ihr Zuhause tatsächlich immer nur Maple Run genannt. Das Abendessen wurde nicht in ihrem Haus aufgetragen, sondern in Maple Run, die Adresse war nicht die der Familie Atlee in der Fourth Street, sondern Maple Run, Fourth Street. Nur wenige Menschen in Clanton konnten Häuser mit Namen vorweisen.
Sie starb an einem Aneurysma und wurde auf einem Tisch im vorderen Salon aufgebahrt. Zwei Tage lang paradierte die ganze Stadt über die Veranda, durch die Diele und den Salon, um ihr die letzte Ehre zu erweisen; anschließend wurden im Esszimmer Punsch und Plätzchen serviert. Ray und Forrest versteckten sich auf dem Dachboden und verfluchten ihren Vater, weil er ein solches Spektakel inszeniert hatte. Da unten, in dem offenen Sarg, lag ihre Mutter, eine hübsche junge Frau, die jetzt, mit bleicher Haut und steif von der Totenstarre, den Blicken der anderen Stadtbewohner ausgesetzt war.
Wegen seines zunehmend ruinösen Zustandes hatte Forrest das Anwesen immer nur Maple Ruin genannt. Die roten und gelben Ahornbäume, die einst die Straße gesäumt hatte, waren an irgendeiner unbekannten Krankheit zugrunde gegangen, die verrotteten Baumstümpfe nie entfernt worden. Auf dem Rasen vor dem Haus spendeten vier riesige Eichen Schatten, die tonnenweise Laub abwarfen, das niemand zusammenharkte und wegschaffte. Mindestens zweimal pro Jahr brach ein Ast ab, der irgendwo auf das Haus krachte und vielleicht entfernt wurde, vielleicht aber auch nicht. Jahr um Jahr und Jahrzehnt um Jahrzehnt mus
ste das Haus Schläge einstecken, doch es brach nie zusammen.
Trotz allem war das georgianische Gebäude immer noch stattlich, obwohl die Säulen, einst zum Andenken des Bauherrn errichtet, nur noch eine traurige Erinnerung an den Niedergang der Familie waren. Ray wollte nichts mehr mit dem Haus zu tun haben. Für ihn waren damit nur unangenehme Gefühle verbunden; jede Rückkehr in seine Heimat deprimierte ihn. Er wollte nie wieder in Clanton leben. Außerdem hätte er es sich auch nicht leisten können, ein Haus zu unterhalten, das in finanzieller Hinsicht ein Fass ohne Boden war und eigentlich abgerissen und dem Erdboden gleich gemacht werden sollte. Forrest würde es eher anzünden als wieder einzuziehen.
Der Richter legte großen Wert darauf, dass Ray das Haus übernahm und es im Besitz der Familie hielt. Während der letzten paar Jahre war mehrfach vage darüber gesprochen worden, doch eine Frage hatte Ray nie zu stellen gewagt: Was denn für eine Familie? Kinder hatte er nicht. Er hatte eine Exfrau, aber eine neue Partnerin war nicht in Sicht. Dasselbe galt für Forrest, wenn man einmal davon absah, dass er sogar zwei Exfrauen aufweisen konnte, außerdem eine Schwindel erregende Kollektion von Exfreundinnen. Gegenwärtig lebte er mit Ellie zusammen, die zwölf Jahre älter war, hundertvierzig Kilogramm wog und sich dem Malen und Töpfern verschrieben hatte.
Dass Forrest bis jetzt noch keinen Nachwuchs produziert hatte, glich einem biologischen Wunder, aber bisher waren keine Kinder aktenkundig geworden.
Folglich schien es unausweichlich, dass die Familie Atlee ausstarb, aber Ray beunruhigte das überhaupt nicht. Er lebte sein eigenes Leben und würde sich weder den Wünschen seines Vaters noch der glorreichen Vergangenheit der Familie unterwerfen. Nach Clanton kehrte er nur anlässlich von Beerdigungen zurück.
Nie war darüber gesprochen worden, was der Richter sonst noch zu vererben hatte. Einst war die Familie Atlee sehr wohlhabend gewesen, allerdings la
nge vor Rays Zeit. Land, Baumwolle, Sklaven, Eisenbahnen, Banken, Politik - das typische Portfolio eines Konföderierten, dessen Geldwert allerdings im späten 20. Jahrhundert gen null tendierte. Freilich hatte dies den Atlees den Ruf eingebracht, dass Geld in der Familie war.
Mit zehn Jahren hatte Ray erfahren, dass seine Familie reich war. Sein Vater war Richter, ihr Anwesen hatte einen Namen, und im ländlichen Mississippi bedeutete dies, dass er ein Kind aus reichem Hause war. Vor ihrem Tod hatte sich ihre Mutter alle Mühe gegeben, Ray und Forrest davon zu überzeugen, dass sie etwas Besseres als die meisten anderen waren. Sie lebten in einem eigenen Haus, waren Presbyterianer, machten alle drei Jahre Urlaub in Florida, trugen die bessere Kleidung. Gelegentlich aßen sie im Restaurant des Peabody-Hotels in Memphis zu Abend.
Schließlich wurde Ray in Stanford angenommen. Doch angesichts des unverblümten Kommentars des Richters platzten seine Träume wie Luftballons: Das kann ich mir nicht leisten.
Was willst du damit sagen?, fragte Ray.
Exakt das, was ich gesagt habe. Stanford kann ich mir nicht leisten.
Aber das verstehe ich nicht.
Dann muss ich mich wohl deutlicher ausdrücken. Es steht dir völlig frei, für welches College du dich entscheidest. Sollte deine Wahl auf Sewanee fallen, werde ich dafür aufkommen.
Also ging Ray nach Sewanee, allerdings ohne den angeblichen Reichtum seiner Familie im Reisegepäck. Zwar unterstützte ihn sein Vater finanziell, doch der kärgliche Wechsel reichte kaum für Studiengebühren, Bücher, Unterbringung, Verpflegung und die Beiträge für die Studentenverbindung. Später besuchte er die juristische Fakultät der Tulane-Universität in New Orleans, wo er sich dadurch über Wasser hielt, dass er in einer Austernbar im Französischen Viertel kellnerte.
Zweiunddreißig Jahre lang hatte der Richter das Gehalt eines Chancellor bezogen, das aber in dieser Gegend im Vergleich zum Landesdurchschnitt zu den nie
drigsten zählte. Als Ray damals an der Tulane-Universität einen Bericht über die Besoldung von Richtern las, musste er bekümmert feststellen, dass Richter in Mississippi zweiundfünfzigtausend Dollar pro Jahr verdienten, während ihre Kollegen überall sonst im Land durchschnittlich fünfundneunzigtausend einstrichen.
Der Richter lebte das einsame Leben eines Witwers, gab wenig für das Haus aus und hatte außer dem Pfeiferauchen keinerlei schlechte Angewohnheiten. Selbst hier bevorzugte er billigen Tabak. Er fuhr einen alten Lincoln, aß schlecht, aber reichlich, und trug die gleichen schwarzen Anzüge, die man seit den Fünfzigerjahren an ihm kannte. Sein Laster war sein Wohltätigkeitsfimmel. Er sparte und spendete sein Geld dann für wohltätige Zwecke.
Niemand wusste, wie viel Geld der Richter im Jahr weggab. Zehn Prozent gingen automatisch an die presbyterianische Kirche, zweitausend Dollar nach Sewanee, dieselbe Summe an den Verein Söhne der Konföderation. Diese drei Posten glichen ehernen Gesetzen, bei den anderen war das nicht so.
Der Richter gab praktisch jedem etwas, der ihn um eine Spende anging: einem behinderten Kind, das Krücken brauchte, einem All-Star-Team, das an einem Turnier mehrerer Bundesstaaten teilnehmen wollte, dem Rotary-Klub, der für die Impfung von Kleinkindern im Kongo sammelte, einem Tierheim, das sich um die herrenlosen Hunde und Katzen in Ford County kümmerte, dem einzigen Museum von Clanton, weil es ein neues Dach benötigte.
Die Liste war endlos. Um einen Scheck vom alten Atlee zu erhalten, musste man nur einen kurzen Brief schreiben und darin um eine Spende bitten. Das Geld kam prompt, und das war schon immer so gewesen, seit Ray und Forrest das Haus verlassen hatten.
Vor seinem geistigen Auge sah Ray seinen Vater förmlich vor sich, wie er an seinem unaufgeräumten, staubigen Schreibtisch mit dem Rollverschluss saß und auf der Underwood kurze Nachrichten tippte, die er dann in die Kuverts mit dem Aufdruck Chancellor
steckte - zusammen mit den kaum entzifferbaren Schecks, die von der First National Bank of Clanton ausgegeben wurden. Fünfzig Dollar hier, hundert Dollar dort, für jeden etwas - bis das Geld restlos verbraucht war.
Mit dem Erbe würde es schon deshalb keine Probleme geben, weil es nur noch wenig zu verteilen gab. Die alten juristischen Fachbücher, das abgenutzte Mobiliar, die mit schmerzhaften Erinnerungen verknüpften Familienfotos und Andenken, längst vergessene Akten und Papiere - all das war nur noch ein Haufen Ramsch, mit dem man höchstens ein beeindruckendes Freudenfeuer veranstalten konnte. Was immer das Haus noch bringen mochte, er und Forrest würden es verkaufen und schon zufrieden sein, wenn überhaupt etwas von dem Familienvermögen der Atlees übrig blieb.
Eigentlich hätte er jetzt Forrest anrufen sollen, aber es fiel ihm nie schwer, solche Telefonate zu verschieben. Sein Bruder Forrest - das war ein anderes Thema. Da gab es diverse Probleme, die weitaus komplizierter waren als die Schwierigkeiten mit einem todkranken, zurückgezogen lebenden Vater, der nichts anderes mehr im Sinn hatte, als sein Geld zu spenden. Forrest war ein wandelndes Wrack, eine einzige Katastrophe, ein sechsunddreißigjähriges Kind, dessen Gehirn abgestumpft war durch jede legale und illegale Droge, die der amerikanischen Kultur bekannt war.
Was für eine Familie, murmelte Ray vor sich hin.
Er sagte die für elf Uhr angesetzte Lehrveranstaltung ab und fuhr los, um sich seine Form von Therapie zu gönnen.






2




Über dem Piedmont Plateau lag der Frühling. Der Himmel war ruhig und klar, und an den Ausläufern der Berge wurde die Natur mit jedem Tag grüner. Im Shenandoah Valley pflügten die Farmer sorgfältig ihre Felder und überzogen sie mit kreuzförmigen Mustern, die das Gesicht des Tals veränderten. Für den nächsten Tag war Regen angekündigt, aber im zentralen Virginia konnte man der Wettervorhersage ohnehin nicht
trauen.
Da Ray schon fast dreihundert Flugstunden absolviert hatte, galt sein erster Blick, wenn er sich morgens für den Acht-Kilometer-Lauf vorbereitete, dem Himmel. Joggen konnte er bei jedem Wetter, fliegen nicht. Er hatte sich und seiner Versicherung gelobt, nicht nachts oder bei bewölktem Himmel zu fliegen. Fünfundneunzig Prozent aller Abstürze von Kleinflugzeugen ereigneten sich entweder bei schlechtem Wetter oder nachts, und auch nach drei Jahren Flugerfahrung war Ray noch entschlossen, lieber als Feigling zu gelten als zu viel zu riskieren. Es gibt alte Piloten und verwegene Piloten, aber keine alten verwegenen Piloten, besagte eine Fliegerweisheit, und Ray war von ihrer Richtigkeit überzeugt.
Außerdem war das zentrale Virginia viel zu schön, um in einer Wolkendecke darüber hinwegzufliegen. Da wartete er lieber auf perfektes Wetter - kein Wind, der seine Maschine erfasste und die Landung komplizierte, kein Nebel, der seine Sicht behinderte und ihn die Orientierung verlieren ließ, keine Bedrohung durch Sturm oder Regen. War der Himmel während des Joggens klar, bestimmte das in der Regel seinen weiteren Tagesablauf. Er konnte das Mittagessen vorziehen oder hinauszögern, eine Lehrveranstaltung ausfallen lassen und seine wissenschaftliche Arbeit auf einen Regentag verschieben. Oder auf eine verregnete Woche. War der Wetterbericht günstig, machte Ray sich auf den Weg zum Flugplatz.
Die Docker's Flight School lag nördlich der Stadt, fünfzehn Minuten Fahrt von der juristischen Fakultät entfernt. An der Flugschule angekommen, wurde Ray stets mit den üblichen rüden Sprüchen begrüßt. Dick Docker, Charlie Yates und Fog Newton waren ehemalige Militärpiloten, und ihre Flugschule hatte die meisten Freizeitpiloten der Gegend ausgebildet. Jeden Tag saßen sie auf alten Klappstühlen im so genannten Cockpit, dem Büro der Flugschule, zusammen, wo sie literweise Kaffee tranken und endlose wahre oder erlogene Geschichten aus dem Fliegerleben erzählten, die stün
dlich fantastischer wurden. Ob es ihm gefiel oder nicht, jeder Kunde und Flugschüler bekam hier seinen Teil an verbalen Unverschämtheiten ab. Die Reaktionen kümmerten die drei nicht. Sie erhielten eine üppige Pension.
Als Ray auftauchte, animierte sie das prompt dazu, die neuesten Anwaltswitze zu erzählen, von denen zwar keiner besonders witzig war, deren Pointen sie aber laut johlen ließen.
Kein Wunder, dass Sie keine Flugschüler haben, sagte Ray und widmete sich den Formularen.
Wohin soll's gehen?, fragte Docker.
Ich will ein paar Löcher in den Himmel bohren.
Dann alarmiere ich schon mal die Jungs von der Flugsicherung.
Dafür sind Sie doch viel zu beschäftigt.
Nach zehn Minuten, in denen er die Mietformulare für das Flugzeug ausfüllte und weitere Schmähungen über sich ergehen lassen musste, war Ray startklar. Für achtzig Dollar pro Stunde konnte er eine Cessna mieten, mit der er sich fünfzehnhundert Meter über die Erde erheben und die Welt hinter sich lassen konnte: Menschen, Telefone, Autos, seine Studenten, die wissenschaftliche Forschung und vor allem seinen kranken Vater, seinen verrückten Bruder und die unvermeidliche Misere, mit der er es in Clanton zu tun bekommen würde.
Neben der fahrbaren Treppe gab es Abstellplätze für dreißig Flugzeuge. Die meisten waren Hochdecker-Cessnas mit nicht einziehbaren Fahrgestellen, die noch immer die sichersten Maschinen waren, die man jemals gebaut hatte. Aber es gab auch einige ausgefallenere Modelle. Neben seiner Cessna stand eine prachtvolle einmotorige Beech Bonanza mit zweihundert PS. Mit ein bisschen Training würde Ray sie innerhalb eines Monats fliegen können. Das Flugzeug war fast hundertdreißig Stundenkilometer schneller als die Cessna und verfügte über genügend technische Einrichtungen und Flugelektronik, um das Herz jedes Piloten höher schlagen zu lassen. Doch nicht genug damit - die Beech Bonanza stand für vierhundertfünfzigtausend Dollar zum Verkauf. Das lag zwar
außerhalb von Rays Möglichkeiten, doch nicht zu weit. Laut den neuesten Informationen aus dem Cockpit baute der Besitzer des Flugzeugs Einkaufszentren und war jetzt auf eine King Air scharf.
Ray wandte sich von der Bonanza ab und konzentrierte sich auf die kleine Cessna daneben. Wie alle noch relativ unerfahrenen Piloten inspizierte er das Flugzeug sorgfältig anhand einer Checkliste. Fog Newton, sein Ausbilder, hatte jede Flugstunde mit Horrorstorys über Brände mit Todesfolge eröffnet, die jene Piloten verursachten, die entweder zu faul oder zu sehr in Eile waren, um eine Checkliste zu benutzen.
Als er sich vergewissert hatte, dass an der Außenseite der Maschine alles in Ordnung war, öffnete er die Tür und schnallte sich im Cockpit an. Der Motor begann zu schnurren, das Funkgerät knisterte. Nachdem er eine weitere Liste über Maßnahmen vor dem Start durchgegangen war, meldete er sich beim Tower. Vor ihm war ein Linienflug dran; nach zehn Minuten im Cockpit erhielt er die Starterlaubnis. Beim Start lief alles glatt, und Ray steuerte die Maschine in westlicher Richtung auf das Shenandoah Valley zu.
Bei gut zwölfhundert Metern Flughöhe überquerte er den Afton Mountain, der sich ziemlich dicht unter ihm befand. Ein paar Sekunden lang geriet die Cessna durch eine Bergturbulenz etwas ins Schlingern, aber das war nichts Außergewöhnliches. Als Ray die Ausläufer der Berge hinter sich gelassen hatte und sich über Weiden und Feldern befand, flog er an einem ruhigen, windstillen Himmel dahin. Offiziell betrug die Sichtweite dreißig Kilometer, aber in dieser Höhe konnte er sehr viel weiter blicken, da kein einziges Wölkchen zu sehen war. Bei tausendfünfhundert Metern tauchten langsam die Gipfel von Westvirginia am Horizont auf. Nachdem er auf einer Checkliste abgehakt hatte, was während des Flugs überprüft werden sollte, stellte er den Gashebel auf Normalbetrieb. Dann entspannte er sich - zum ersten Mal, seit er das Flugzeug vor dem Start auf der Rollbahn in Posi
tion gebracht hatte.




»Grisham ist so viel besser ist als all die anderen.«
Kundenbewertungen zu John Grisham „Der Richter“
Durchschnittliche Kundenbewertung
review.image.5 review.image.5 review.image.5 review.image.5 review.image.1 2 Kundenbewertungen
Veröffentlichen Sie Ihre Kundenbewertung:
Kundenbewertung schreiben
Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll unverhofftes Erbe - von Tilman Schneider - 14.11.2008 zu John Grisham „Der Richter“
Was macht man, wenn man den Vater tot auffindet und dann noch ganz viel Geld entdeckt? Weg laufen? GEld mitnehmen? Polizei rufen? Die Familie befragen? Es kommt ganz anderst und wie immer ist es John Grisham gelungen einen spannenden Plot mit vielen Überraschungen zu schreiben. Mit diesem Buch hat John Grisham bewiesen, dass er auch auserhalb des Gerichtsaals topp ist, denn er kann ganz einfach gesagt genial schreiben.
Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Bewertungsstern, voll Hat Grisham sich vom Gerichtskrimi verabschiedet? - von Michael Kleerbaum - 06.05.2005 zu John Grisham „Der Richter“
Nach "Das Fest" wieder ein Roman, der im Justizmilieu, aber wieder kein Roman, der in einem Gerichtssaal spielt. Ich glaube, davon hat sich Grisham erst mal verabschiedet. Finde ich schade. Aber ok, auch ohne das ist auch dieser Roman jeden Cent wert. Über lange Zeit konnte Grisham mich geschickt auf einer falschen Fährte halten, erst fast ganz zum Schluss musste dem aufmerksamen Leser dann endlich klar werden, wer denn hier der "Bösewicht" in dieser Geschichte war. Ein handwerklich sehr guter und auch spannender Roman. Für Grisham-Fans sowieso ein Muss, für jeden anderen, der sich für spannende, mysteriöse Sachen interessiert und sich gerne den Kopf darüber zerbricht, welche der vom Autor angebotenen Personen denn letztendlich der Bösewicht, in diesem Falle der Verfolger ist.
Zur Rangliste der Rezensenten
Unsere Leistungen auf einen Klick
Unser Service für Sie
Zahlungsmethoden
Bequem, einfach und sicher mit eBook.de. mehr Infos akzeptierte Zahlungsarten: Überweisung, offene Rechnung,
Visa, Master Card, American Express, Paypal mehr Infos
Geprüfte Qualität
  • Schnelle Downloads
  • Datenschutz
  • Sichere Zahlung
  • SSL-Verschlüsselung
Servicehotline
+49 (0)40 4223 6096
Mo. - Fr. 8.00 - 20.00 Uhr
Sa. 10.00 - 18.00 Uhr
Chat
Ihre E-Mail-Adresse eintragen und kostenlos informiert werden:
* Alle Preise verstehen sich inkl. der gesetzlichen MwSt. Informationen über den Versand und anfallende Versandkosten finden Sie hier.
Bei als portofrei markierten Produkten bezieht sich dies nur auf den Versand innerhalb Deutschlands.

** Deutschsprachige eBooks und Bücher dürfen aufgrund der in Deutschland geltenden Buchpreisbindung und/oder Vorgaben von Verlagen nicht rabattiert werden. Soweit von uns deutschsprachige eBooks und Bücher günstiger angezeigt werden, wurde bei diesen kürzlich von den Verlagen der Preis gesenkt oder die Buchpreisbindung wurde für diese Titel inzwischen aufgehoben. Angaben zu Preisnachlässen beziehen sich auf den dargestellten Vergleichspreis.
eBook.de - Meine Bücher immer dabei
eBook.de ist eine Marke der Hugendubel Digital GmbH & Co. KG
Folgen Sie uns unter: