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Tödlicher Atemzug

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Produktdetails

Titel: Tödlicher Atemzug
Autor/en: Todd Johnson

EAN: 9783775171922
Format:  EPUB
SCM Hänssler

4. April 2014 - epub eBook - 368 Seiten

Die Nuklearanlage Hanford Site lieferte jahrzehntelang das Plutonium für Amerikas Kalten Krieg und gilt heute als das am stärksten verstrahlte Gelände der westlichen Welt. Den Männern, die sie bewachen, sagt man, die Gefahr sei unter Kontrolle - bis eine gewaltige Explosion die Nacht zerreißt.
Kieran Mullaney überlebt die Detonation, aber als er versucht herauszufinden, was wirklich geschah, begegnen ihm Schweigen und Drohungen.
Der Autor praktiziert seit über dreißig Jahren als Anwalt. Er lehrte als Assistenzprofessor Internationales Recht und arbeitete als US-Diplomat in Hong Kong. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Minnesota. Mit "Tödliche Erbschaft" hat er ein "starkes literarisches Debüt" (Publishers Weekly) hingelegt.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

2


Acht Monate später
Büro des Pflichtverteidigers, Gerichtsgebäude von King County
Seattle, Washington

»Du hörst gar nicht zu.«

Aufgeschreckt ließ Emily Hart ihren Bleistift auf den Teppich fallen. »Tut mir leid«, antwortete sie und hob ihn rasch vom Boden auf.

Hinter seinem großen Schreibtisch aus Eichenholz, der ohne erkennbare Ordnung mit den üblichen Papierstapeln bedeckt war, schüttelte Frank Porter den Kopf. »Schon in Ordnung. Die geschäftlichen Fragen hatten wir schon vor zehn Minuten abgehakt. Du hast dich nur gerade darum gebracht zu hören, auf welchen Apgar-Wert es mein neuester Enkelsohn gebracht hat.«

Emily lächelte. »Tut mir leid, Frank.«

»Vergiss es.« Er winkte ab. »Mach dich an die Arbeit. Oder erledige das, wovon du gerade geträumt hast. Schau mal, ob du im Henderson-Fall so argumentieren kannst, wie wir es besprochen haben. Und denk dran, was ich dir vorhin gesagt habe: Du rackerst dich hier schon seit zwei Jahren ab und hast noch keinen einzigen Tag Urlaub genommen. Inklusive Zeitausgleich hast du schon das Maximum auf deinem Zeitkonto erreicht.«

Sie zuckte die Schultern. »Es macht mir nichts aus, auf einen Teil der Zeit zu verzichten.«

»Aber mir«, erwiderte Frank mit einem ernsten Blick. »Nimm dir frei. Das ist keine Bitte. Du hast ohnehin schon ein Monsterpensum zu bewältigen. Wenn du dabei ausbrennst, verliere ich meinen aufsteigenden Stern!«

Emily lächelte, nahm ihren Notizblock und verließ das Zimmer. Sie ging an Franks Sekretärin vorbei, überquerte den Flur und betrat den kleinen, fensterlosen Raum, der ihr als Büro diente.

Sie zog die Tür hinter sich zu, machte sich aber nicht die Mühe, das Li
cht anzuschalten oder sich hinzusetzen. Stattdessen nahm sie ihr Mobiltelefon vom Schreibtisch und suchte die Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter, die sie am Morgen bekommen hatte.

»Emily«, begann die Stimme, »ich bin's, Kieran. Ich weiß, es ist schon eine Weile her. Tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Aber ich habe gerade ein großes Problem.«

Die Stimme stockte und sie hörte einen langen, heftigen Hustenanfall im Hintergrund.

»Ich habe gehört, dass du inzwischen Anwältin bist«, begann er wieder, die Stimme heiser und leise. »Das ist toll. Und genau genommen rufe ich deswegen an. Ich brauche selbst einen Anwalt, und zwar gleich.«

Pause. Dann: »Ich glaube, ich wurde in Hanford verstrahlt, Emily. So wie mein verstorbener Vater. Das ist vor einer Weile passiert und ich habe Klage eingereicht, aber meine Anwältin hat sich kurz vor Verhandlungsbeginn zurückgezogen, und jetzt werde ich wohl nie rausfinden, was ich da abbekommen habe. Es … alles ist außer Kontrolle geraten. Bitte. Ich habe keine andere Möglichkeit mehr. Könntest du mich bitte zurückrufen?«

Damit endete die Nachricht. Eine ganze Minute lang stand Emily in der stillen Dunkelheit.

Seit fast drei Jahren hatte sie keine Nachricht mehr von Kieran erhalten; seine Stimme hatte sie seit vier Jahren nicht mehr gehört. Doch das Einzige, was ihr selbst nach all dieser Zeit nicht vertraut war, war der ängstliche Unterton.

Überraschenderweise hatte Emily das Gefühl, sehr schnell auf die Nachricht reagieren zu müssen. Sie klickte sich durch die Kontaktliste in ihrem Mobiltelefon, bis sie die Nummer fand, die sie schon seit Monaten nicht mehr angerufen hatte. Ein Teil von ihr hatte das Gefühl, sie sollte zuerst mit Kieran sprechen. Doch noch stärker war das Bed
ürfnis, ihm gleich eine beruhigende Nachricht geben zu können. Dennoch, in Anbetracht desjenigen, mit dem sie sich in Verbindung setzen wollte, zögerte Emily eine weitere ganze Minute, bevor sie die Nummer in ihrer Kontaktliste anrief.

Eine Stimme vom Tonband forderte sie auf, eine Nachricht zu hinterlassen.

»Ich habe ein Problem«, sagte sie nach einem letzten Zögern. »Könnten wir heute zusammen mittagessen, Dad?«

Ryan Hart ging im leeren Korridor der vierten Etage des Gerichtsgebäudes von King County auf und ab. Er warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Emily war spät dran. Er seufzte. Er hatte Hunger und war nicht in der Stimmung, auf Leute zu treffen, die er kannte – was garantiert geschehen würde, wenn er weiter hier auf dem Flur stand.

Sein Mobiltelefon vibrierte in seiner Tasche. Die Nachricht von Emily war eine kurze Entschuldigung: Ihr Chef hatte noch Aufgaben für sie, aber in einer halben Stunde wäre sie unten bei ihm. Dann könnten sie mittagessen gehen.

Er schob das Telefon zurück in die Tasche und erinnerte sich trotz seiner Ungeduld daran, dass dies das erste Mal seit Monaten war, dass Emily ihn anrief.

Die Tür zu Verhandlungsraum 431 öffnete sich und ein Mann kam heraus. Ihn begleitete das Gewirr von Stimmen in den Korridor. Ryan zögerte einen Moment und ging dann auf die Tür zu. Das war auf jeden Fall besser, als mit den Händen in den Hosentaschen hier draußen herumzustehen.

Er schob sich durch die Tür, bevor sie sich wieder schloss.

Der Gerichtssaal war überraschend voll. Offenbar ein Fall, der Schlagzeilen gemacht hatte. Lauter Neugierige, die auf einen guten Kampf hofften. Mit einem Blick auf den Raum setzte er sich hinten in eine Ecke nahe bei der Tür.

»Bitte erheben Sie sich«, bellte der Gerichtsdiener. Ryan war wieder auf den Beinen, be
vor der Rest des Publikums überhaupt reagieren konnte.

Eine schwarze Robe bauschte um den Richter, der aus seinem Zimmer in den Gerichtssaal trat, gefolgt von seinem Hofstaat aus persönlichem Assistenten, Gerichtsschreiber und einem Verwaltungsassistenten. Das Personal bewegte sich auf seine jeweiligen Plätze im Raum, während der Richter sich auf seinen Stuhl fallen ließ und mit einer Handbewegung das Publikum aufforderte, das Gleiche zu tun.

Während Ryan und alle anderen Zuschauer gehorchten, zappelte eine schlanke junge Frau auf Ryans linker Seite nervös herum und stieß an seine Schulter. Ryan warf ihr einen flüchtigen Blick zu, bevor er nach rechts rutschte, um ihr etwas mehr Platz zu machen.

Es war ein Zivilverfahren, kein Strafprozess: Nur acht Geschworene saßen in der Jury – wahrscheinlich sechs reguläre und zwei Ersatzleute. Zudem war es ein Firmenprozess, nach den teuren Anzügen der »Zivilisten« zu urteilen, die sich mit ihren Rechtsvertretern um die drei Anwaltstische scharten. Normalerweise konnte Ryan die Zivilisten problemlos von ihren Anwälten unterscheiden, nämlich an ihrem zurückhaltenden Gesichtsausdruck und den leeren Schreibblöcken und Stiften, die sie vor sich liegen hatten.

Ein Anwalt stand allein an einem Rednerpult in der Mitte des Raumes und wartete darauf, dass die Verhandlung begann. Sein Mandant war wahrscheinlich der ältere Mann an dem Tisch, der dem Sprecherpult am nächsten stand. Er trug ein Jackett, das eine Nummer zu klein, und eine Krawatte, die schon im letzten Jahrzehnt unmodern gewesen war. Der Hering in diesem Haifischbecken, dachte Ryan, wahrscheinlich der Kläger. Und nach dem Bataillon an Anwälten zu urteilen, die gegen ihn antraten, sowie nach der enormen Publikumsgröße war es entweder ein Enthüllungs- oder Betrugsfall.

Richter Francis Tipt
on rückte sein Namensschild zurecht, beugte sich dann mit finsterer Miene vor und signalisierte so seine Bereitschaft, falls nötig sämtliche Anwesende zum Frühstück zu verspeisen. »Sie können beginnen, Mr Swinton«, sagte er mit einem Kopfnicken zum Anwalt am Sprecherpult.

Ein Zeuge saß auf seinem Platz links neben dem Richter auf einem Drehstuhl – eine Frau mittleren Alters mit einem verblüfften Blick, so als befände sie sich in einem ständigen Zustand der Überraschung. Sie trug ein marineblaues Kostüm, dezenten Schmuck und wenig Make-up – angenehm gekleidet, fand Ryan. Nur, dass ihre dunkle Kleidung ihr blasses Gesicht und die weit aufgerissenen Augen betonte und sie den hölzernen Rahmen des Zeugenstandes fest umklammert hielt. »Klammeraffen«, nannte Ryan solche Zeugen, die sich an den Zeugenstand klammerten wie Schiffbrüchige an Wrackteile in stürmischer See.

»Miss Galbraith«, begann der Anwalt am Sprecherpult, »bitte vergessen Sie einmal kurz das Beweisstück, über das wir vor der Pause gesprochen haben, und gehen wir noch einmal zu Beweisstück 41 zurück.«

Die Zeugin sah alarmiert aus, zwang sich aber, durch einen Stapel Papiere zu blättern, die neben ihrem Ellenbogen lagen.

Ryan kannte den Anwalt der Anklage am Sprecherpult nicht. Die Verteidiger am Nachbartisch waren Anwälte der Kanzlei Feldman, Leif und Ramsdell. Er war der Frau schon einmal begegnet.

Sein Blick ging zum dritten Tisch, wo zwei hochrangige Anwälte von Melander und Stout saßen, begleitet von einem dritten, unbekannten jüngeren Kollegen. Das war eine unangenehme Mannschaft – und eine teure. Er konnte nur ahnen, welche Vergehen dazu geführt hatten, dass ihr Mandant sie engagiert hatte.

Mehrere Minuten lang stellte der Anwalt des Klägers Fragen zum Beweisst&u
uml;ck, bevor er das Rednerpult mit beiden Händen umfasste. »Nun, Miss Galbraith, bitte sagen Sie der Jury: Stammt die handschriftliche Notiz unten auf dieser Seite dem Schriftbild nach von Ihrem ehemaligen Arbeitgeber?«

Fünf Sekunden verstrichen. Irgendwann musste Miss Galbraith doch einmal blinzeln …! Als Ryan bis zehn gezählt hatte, warf der Richter der Frau einen seiner blutrünstigen Blicke zu und knurrte: »Sie sind verpflichtet, auf die Frage des Herrn Anwalts zu antworten!«

Aus ihrem Unbehagen wurde Panik. »Es ist schon lange her, seit ich dieses Dokument gesehen habe – vor heute«, murmelte sie und warf einen...


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