»Prolog, Einleitung und Epilog dieser großen Arbeit gruppieren sich um drei Kapitel; das erste enthält genaueste Analysen einzelner Gedichte, das zweite geht den 'Verstrickungen von Biografie, Geschichte und poetischer Sprache' nach, im dritten wird die szenische Dichtung 'Der magische Tänzer' untersucht. Will man dem von Rospert vorgelegten Buch auch nur einigermaßen gerecht werden, so muss man sich gerade auf seine Detail-Studien einlassen. Erst so kann die Hauptintention der Verfasserin, die Poetik von Nelly Sachs als 'Poetik einer Sprache der Toten' nachzuzeichnen, wirklich in den Blick kommen. [. . .] Die letzten großen Produktionen der späten Moderne sind selber ein Moment ihrer Selbstauflösung. Sie verhindern sie nicht, sondern betreiben sie notwendig mit. Was bei Hofmannsthal, Trakl, Stefan George und Rilke begonnen wurde, mündet bei Nelly Sachs, Paul Celan, Günter Eich, Wilhelm Lehmann, Ingeborg Bachmann und Marie Luise Kaschnitz in ein bisher endgültiges Ende. Gegenwärtig scheint es, als sei die Verbindung zur Tradition der Moderne unterbrochen. Umso wichtiger sind Arbeiten, wie Christine Rosperts Buch, das ein doppeltes Zeugnis abgelegt: es schließt das Werk einer der bedeutendsten Lyrikerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts auf - und dokumentiert zugleich, dass die philosophische und literaturwissenschaftliche Analysebasis der Gegenwart keine Weiterführung der unmittelbaren Vergangenheit darstellt, sondern, mit aller Gefahr des Missverstehens, diesseits eines Bruches ansetzt. Wie schwierig aber der Zugang zum Werk von Nelly Sachs heute auch sein mag, wie wenig auch immer sie zur Zeit gelesen wird, ihre Gedichte werden überdauern, gleichgültig ob die jetzige Generation sie zur Kenntnis nimmt oder nicht. « Max Lorenzen, Marburger Forum. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart, 5/6 (2004)
Besprochen in:Marburger Forum, 5/6 (2004), Max Lorenzen