»"Bitte, " Wieder sein Name. "Warum tust du das?" Aber er ging nicht darauf ein. Eine so dumme Frage konnte nur jemand stellen, der die Antwort nie verstehen würde.«
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Eine junge Frau wird ermordet aufgefunden - aufwendig herausgeputzt für ihren letzten eindrucksvollen Auftritt und durchzogen von zahlreichen Stichwunden, die nach ihrem Tod sorgfältig vernäht wurden. Gemeinsam versuchen die aufsteigende Kriminalkommissarin Claudia Vogt und ihr abstürzender, im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüder Kollege Thomas Harder, den Mörder aufzuspüren, bevor es zu weiteren Toten kommt.
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Es ist nur schwer vorstellbar, dass es sich bei "Unter pechschwarzen Sternen" tatsächlich um das Debüt des Autors Gereon Krantz handelt. Schaut man sich Rezensionen zum Buch an, wird vor allem der Stil immer wieder hervorgehoben - und das völlig zurecht.
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Krantz ist es etwas gelungen, an dem viele Autoren scheitern: Unterschiedliche Perspektiven zu zeigen und hierbei wirklich jedem Charakter eine eigene Stimme zu verleihen. Das Buch beginnt mit der Sicht auf den Mörder. Die Sätze sind kurz und abgehackt, die Sprache rau, wodurch die Gedanken des Täters in all ihrer grausamen Direktheit realistisch erscheinen. Im Kontrast dazu im nächsten Kapitel ein hormondurchpumpter Jugendlicher mit entsprechender Umgangssprache, später gefolgt von ruhigen, durchdachten, wohlgeformten Schachtelsätzen der Ermittlerin und dunkelhumorig-sarkastischen Bemerkungen des Ermittlers. Es fühlt sich nicht an wie die einheitliche Sicht eines Erzählers. Es fühlt sich an, als sei man im Kopf der jeweils auftretenden Person. Und das darf eben bei einem Mörder auch gerne mal grausam, hart und unsympathisch sein. Die Liebe zur einprägsamen, unverwechselbaren Beschreibung zieht sich sogar bis in die kleinsten Nebenfiguren hinein und zielt stilistisch zielsicher direkt ins Kopfkino: Der Mann, der so blass war, dass man sich nicht die Mühe machen würde, seinen Puls zu fühlen, wenn er sich tot gestellt hätte, der Schaffner, der mit seinem langen Hals und den grauen Haaren an einen Reiher erinnerte und durch den Gang stakste, der Rentner, der seinen ergrauten Dackel spazieren schleifte Einfach großartig.
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»"Ernsthaft - hast du keinen Respekt vor den Toten?"
Harder blickte in die Reste von Brot, Fleisch und Salat in weißer Soße. "Wieso? Meinst du, die nehmen mir die Knoblauchfahne übel? Damit gehör ich hier immer noch zu denen mit besserem Atem."«
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Besonders gelungen sind hierbei natürlich die beiden Ermittler und die Dynamik zwischen ihnen. Während Vogt sich beruflich auf der Überholspur befindet und Dienstvorschriften sehr ernst nimmt, schlägt Harder auch gerne mal weniger übliche (und ebenso wenig legale, dafür aber umso erfolgversprechendere) Wege ein. Aus ihren unterschiedlichen Ansichten und Vorgehensweisen entstehen immer wieder Dialoge, die nur so vor Sarkasmus strotzen und dementsprechend viel Spaß machen. Der Autor weiß einfach, wie man redet und schafft es oft auch, seine Charaktere ohne Worte, allein durch ihre Körpersprache sprechen zu lassen. Schön ist, dass beide Ermittler ähnlich schlagfertig sind und gleichzeitig immer wissen, wann sie zusammenhalten müssen. Harder hat zudem eine unglaublich spannende Vorgeschichte und ohne diesen Moment vorwegnehmen zu wollen sei nur gesagt, dass bisher wohl nur selten ein Charakter und sein Wesen derart eindrucksvoll eingeführt wurde. Positiv hervorzuheben sind neben den Charakteren sowohl die sehr umfangreiche und nachvollziehbar geschilderte Ermittlungsarbeit als auch die zahlreichen spannenden Kulissen sowie der an vielen Stellen eingesetzte tiefschwarze Humor, der die düsteren Passagen der Buchs gekonnt auflockert.
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Der einzige Kritikpunkt und letztlich der Grund, weshalb das Buch nur sehr knapp an den 5 Sternen vorbeigeschlittert ist, liegt darin, dass es insgesamt mehr von den Charakteren und Kulissen getragen wird als von der Story, wodurch es insgesamt entschleunigt wird und vor allem im zweiten Drittel immer wieder mal kurze Durststrecken aufweist. Die Story ist gut, aber eben nicht so geschickt gestaltet wie der Rest und somit nicht so spannend wie es die Charaktere verdient hätten. Ein bisschen mehr Katz- und Mausspiel und etwas mehr Gelegenheit zum Miträtseln wären gut gewesen. So war es stellenweise mehr eine interessante Charakter- und Szenenstudie mit lehrreichen Ermittlungsvorgängen als ein spannender Thriller. Gegen Ende zieht die Geschichte allerdings noch mal richtig an, ist nicht nur sehr spannend, sondern auch für einige Überraschungen gut und wird gekonnt aufgelöst.
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Insgesamt ein vor allem stilistisch unglaublich gelungenes Debüt mit vielschichtigen Charakteren, spannenden Kulissen, erfrischend dunklem Humor, etwas Luft nach oben, was die Story angeht und einem Ermittlerpaar, das so interessant und sympathisch ist, dass man ihm nur viele weitere Fälle wünschen kann.