Seladon, Königin der Glasuren
Seladon, die jadegrüne, zarte Glasur, darf man getrost als die Königin aller Glasuren bezeichnen. Sie kann dick und kräftig aufgetragen sein, durchsichtig schimmern, den Farbeindruck durch wechselndes Licht ändern,- immer ist Seladon von unvergleichlichem Reiz.
Anette Mertens, Sinologin und Keramikerin, ist dem Wiederaufleben dieser Keramik vor Ort im Südosten Chinas nachgegangen, hat deren wechselvolle Geschichte studiert und mit ihrer Partnerin Mareile Flitsch die Ergebnisse in einer sehenswerten Ausstellung im Völkerkundemuseum der Universität Zürich zusammengetragen ( bis Nov. 2020).
Der dazu erarbeitete Katalog ist ein Meisterwerk! Stimmungsvolle Fotos der Landschaft und Übersichtskarten machen das Eintauchen in die fremde Welt leicht. Eine Zeittabelle hilft uns die chinesischen Dynastien einzuordnen. In mehreren Kapiteln erklären die Autorinnen Herstellung und Eigenarten der Keramik: Rohstoffgewinnung und Aufbereitung, Formgebung,- Drehen (Töpfern) und Guß, Dekor,- Bemalung oder Schnitzen, Ritzen, und schließlich das Brennen als den entscheidenden Prozess. Denn erst nach langer Praxis kann man das Ergebnis mit einiger Sicherheit voraussagen, das Öffnen des Ofens ist jedes Mal eine Offenbarung.
Eine Fülle an Beispielen in höchster Qualität tut sich vor unseren Augen auf. Jedes Objekt - auch "Massenware" - ist ein Unikat, denn auch gegossene Ware muss individuell bearbeitet werden. Wie liebevoll die KünstlerInnen ihre Werke betrachten, mögen einige Bezeichnungen verraten,
die sie ihnen geben: Rosa-zartblaue Dose mit Lotusblüten, Pinselwasser mit Rindern, Weißes Feld, Rein wie Jade - klar wie Eis, Vier große Freuden in allen Richtungen.
Seladon ist schon seit dem 9. Jahrhundert bekannt und erlebt nach einigen Niedergängen seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine neue Blüte. Anhand gefundener Fragmente konnte die Entwicklung der Techniken erkannt und erneuert werden. Seit 20 Jahren ist Seladon als einzige Keramik in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Eine Krone der Schöpfung!
Karlheinz Schmiedel