INHALT:
Der Schauspieler Edgar Selge erzählt in seinem Debütroman von seinem 12-jährigen Ich, 1958 in Herford.
Sein Vater war Gefängnisdirektor von der Jugendstrafanstalt nebenan. Die Strafgefangenen arbeiteten für die Familie und kamen immer wieder zu deren Hauskonzerten.
Musik, egal ob Schubert, Mozart, Beethoven oder Bach, verband die ganze Familie.
Doch Edgar hörte lieber zu, als selbst zu spielen. Und noch lieber verlor er sich in seiner Fantasie, träumte sich Geschichten zusammen und schlich sich abends ins Kino.
Daheim erfuhr er ja nur wenig. Viele seiner Fragen, z. B. über Politik & Geschichte der letzten Jahre, blieben zu dem Zeitpunkt unbeantwortet. Die Erwachsenen meinten, das sei nichts für seine Ohren. Außerdem erzählte Edgar seinen Bekannten gerne weiter, was er im Alltag aufschnappte.
( Man kann nichts erzählen, wenn Edgar am Tisch sitzt, sagt mein Vater zerknirscht. Im Grunde können wir nur noch stumm unsere Suppe essen. )
Auch nach dem Krieg waren die Eltern noch antisemitisch eingestellt. Edgar versuchte zu verstehen, was damals geschehen war.
Er wurde mit dem Tod konfrontiert.
Er erinnerte sich daran, wie er sich als Kind mit Latein gequält hat oder Mathematik manchmal nicht verstand, woraufhin ihn Vater und Lehrer verprügelten. Vor allem dem Vater rutschte häufig die Hand aus.
( Du musst zuschlagen. Das ist ein Zwang. (...) Du musst mit Ohrfeigen die Welt besser machen. Aber sie wird nicht besser. Meine Antworten werden immer katastrophaler. (...) Die Erfolglosigkeit deines Zuschlagens steigert deinen Zorn. Irgendetwas stirbt in mir. )
Nicht immer erzählte er die Wahrheit, manchmal stahl er Geld für heimliche Kinobesuche, versuchte auch mal abzuhauen oder probierte sein Messer daheim an den Möbeln aus.
Viele Jahre später, als Edgar in der Pandemie 2020 während dem Lockdown das Haus nicht verlassen soll, holen ihn diese Erinnerungen wieder ein und er bringt sie zu Papier
(TRIGGERWARNUNG: Buch beinhaltet Themen wie sexuelles Bedrängen, körperliche Gewalt geg. Kindern & Tod)
MEINUNG:
Dieses Buch ist aus der Perspektive des 12-jährigen Edgars geschrieben und wechselt nur selten in die Gegenwart zu seinem älteren Ich.
Nach der Inhaltsangabe habe ich mir gedacht, dieses Buch könnte ganz interessant werden, mit einem Jungen, dessen Vater Gefängnisdirektor von nebenan ist. Der wird da bestimmt einiges aufschnappen.
Tatsächlich kommt dies zur Sprache, allerdings hauptsächlich anfangs und nicht zu ausführlich. Ich war erstaunt, fand es beachtenswert und mutig, dass der Vater den jugendlichen Straftätern regelmäßig die Gelegenheit gab, dem Hauskonzert der Familie beizuwohnen. Unter ihnen waren auch Mörder und junge Menschen, die andere schwere Straftaten begangen hatten. Edgar durfte sogar mit den Insassen Theater spielen.
Bei uns wäre das heute wahrscheinlich undenkbar. Doch der Gefängnisdirektor wollte, dass die Jugendlichen die Institution Familie kennenlernen. Er brachte ihnen Vertrauen und Wertschätzung entgegen. Und seine Tendenz zum Resozialisierungsgedanken haben mir gefallen.
Doch mein positiver Eindruck vom Vater blieb nicht lange bestehen. Wie schrecklich ist es, wenn Kinder körperliche Gewalt erfahren müssen, von den Menschen, die sie eigentlich lieben! Edgar tat mir bei diesen Szenen unglaublich leid. Kein Wunder, dass er Angst bekommt, andere zu enttäuschen
Der Autor erzählt episodenhaft, woran er sich erinnert. Es sind alltägliche Ausschnitte seines Lebens als Kind.
Manche Szenen fand ich dabei interessanter als andere, aber insgesamt waren sie lesenswert.
Den Protagonisten habe ich schnell in mein Herz geschlossen. Mit ihm ist manches zum Schmunzeln und anderes eher traurig und melancholisch.
Der Text enthält trotz wörtlicher Rede keine Anführungszeichen. Diese muss man sich denken. Doch daran konnte ich mich schnell gewöhnen.
Da ich etwas empfindlich bin, was Kinderperspektiven in Büchern betrifft, wirkte Edgar auf mich an manchen Stellen deutlich älter, als er zum jeweiligen Zeitpunkt war. Vermutlich auch deshalb, da er eine äußerst differenzierte Auffassungsgabe hatte, gut kombinieren konnte und viel über Musiktheorie wusste. Doch manche Gedankengänge passten für mich nicht ganz zu seinem Alter.
Trotzdem mochte ich seine Beobachterrolle gerne. Und diese Prise von unterschwelligem Humor zwischen den Zeilen, z. B. wenn er wieder Dinge aufgeschnappt hat, die nicht für seine Kinderaugen und -Ohren gedacht waren - das habe ich sehr gefeiert!
Am Ende hat für mich noch etwas gefehlt. Hier hätte ich mir gewünscht, dass der Autor z. B. noch einen stärkeren Bogen zu seiner heutigen Gegenwart geschlagen hätte, dann wäre es mir runder vorgekommen.
FAZIT: Insgesamt hat mir das Buch trotz mancher Schwächen gut gefallen. Wer alltägliche, episodenhafte Erzählungen aus Kindersicht zu schätzen weiß, vielleicht sogar noch Interesse an klassischer Musik hegt, der könnte hieran Gefallen finden! 4/5 Sterne!