"Sophie sah zu Karolina hinunter, die ihre freie Hand in den Himmel hielt und versuchte, die herabfallende Asche aufzufangen.
,Schnee!', rief sie fröhlich. ,Wie im Märchenbuch!'
Es ist kein Schnee, und es ist kein Märchenbuch. Es sind Menschen, ihre Häuser, deine Familie! Sophie wollte schreien."
INHALT:
Warschau, 1939: Die schwangere Sophie befindet sich in der Bibliothek, als die Bomben fallen. Janek und sie haben sich schon so lange nach einem gemeinsamen Kind gesehnt, sie muss das Ungeborene retten!
Die Stadt versinkt im Chaos, die Straßen sind nicht mehr wiederzuerkennen, als auch direkt vor Sophie eine Bombe einschlägt. Ihre Wohnung ist zerstört.
Wäre ihr Mann Janek doch nur bei ihr, doch dieser fliegt als Kampfpilot in diesem furchtbaren Krieg.
Als seine Angehörige ist nun auch Sophie in Gefahr und muss sich versteckt halten.
Nach und nach sterben immer mehr Menschen um sie herum. Es gibt Ausgangssperren, kaum noch zu Essen und Juden wird immer mehr verboten, sie kommen ins neu errichtete Ghetto, werden deportiert oder direkt erschossen.
Für Sophie steht fest, dass sie helfen muss. Auch, wenn ihr dafür unter Umständen die Todesstrafe droht
Zur gleichen Zeit macht sich Rosa mit ihrem Mann Itzhak auf den Weg nach Warschau. Sie muss wissen, wie es ihrer Mutter nach dem Tod des Vaters geht! Doch als Juden sind sie den schlimmsten Schikanen ausgesetzt, immer mehr von ihnen werden ermordet und es wird immer gefährlicher für sie. Da bekommt Rosa ein Kind. Und als die kleine Familie sich schweren Herzens eines Tages trennen muss, kann Rosa nur hoffen und dafür beten, ihre Tochter, anhand der Medaillonhälfte um den Hals, nach dem Krieg wiederzufinden
"Wie böse - nein, wie schwer muss es sein, jeden Tag Kinder aus den Armen ihrer Mütter zu reißen. Wie grausam und gleichzeitig gütig - ist es, uns anzulügen, zu sagen, dass dieser Krieg einmal ein Ende hat, dass wir dann noch leben und unsere Babys wiedersehen werden."
MEINUNG:
Zugegeben, anfangs fand ich das Buch zwar auch schon gut geschrieben, aber es war mir noch etwas zu nüchtern geschildert, irgendwie kamen die Emotionen der Protagonist*innen nicht richtig bei mir an, obwohl so sie sich mitten in dem schrecklichen Krieg befinden.
Niemals hätte ich erwartet, dass das Buch hier noch eine 180-Grad-Wendung hinlegen und zum Highlight werden würde!
Zuerst musste ich immer wieder pausieren, weil der Inhalt so traurig und bedrückend war. Irgendwann konnten mich die Schicksale der Figuren völlig für sich einnehmen. Es war immer wieder so herzzerreißend und traurig! Und gleichzeitig haben die Protagonist*innen so viel Mut und Stärke bewiesen, statt zu resignieren! Deren Entwicklungen haben mir richtig gut gefallen, auch wenn ich eine von ihnen später gerne geschüttelt hätte!
Vor allem das Schicksal der Juden im 2. Weltkrieg wird thematisiert. Sie werden unterdrückt, deportiert, gequält und getötet. Sie versuchen, sich zu verstecken, mit dem wenigen Essen zu überleben und jedem der ihnen hilft, droht der Tod.
Zudem steht das Schicksal jüdischer Kinder mit im Fokus des Buches. Neben den Protagonist*innen begegnet man dabei auch bekannteren Namen wie Janusz Korczak (Arzt, Kinderbuchautor & Pädagoge), der sich in dieser schweren Zeit bis zur Deportation um ein ganzes Waisenhaus mit Kindern kümmert.
Noch mehr Aufmerksamkeit erlangt in dieser Geschichte Irena Sendler (Sozialarbeiterin & Krankenschwester), welche jüdischen Kindern hilft, sie versteckt und versucht, sie aus der Gefahrenzone zu ziehen.
Über beide möchte ich unbedingt noch mehr lesen! Und dank des Austausches in einer Leserunde zu diesem Buch, bin ich auf den Titel Der Engel von Warschau (über Irena Sendler) gestoßen, der definitiv von mir noch gelesen werden muss!
Es ist erstaunlich, mutig und unglaublich bewundernswert, wie selbstlos sich all diese Menschen für andere Leute in Not eingesetzt haben! Und neben dem Glauben verschafft dies dem Buch hin und wieder auch einen kleinen Hoffnungsschimmer
Die Geschichte von Rosas Mann Itzhak, die Sequenz von Janusz Korczak und vor allem die Arbeit von Irena Sendler beruht (laut dem Nachwort) auf wahren Begebenheiten. Artikel und Berichte über diese Menschen, wurden von der Autorin in die Geschichte eingearbeitet.
Auch wie die Handlungsstränge mit der Zeit ineinander verschmelzen, ist der Autorin ausgesprochen gut gelungen.
Gegen Ende konnte ich das Buch nicht mehr zur Seite legen, ich war regelrecht im Sog zwischen den Seiten versunken.
Letztendlich hat mich die Geschichte so berührt und so beeindruckt, dass sie für mich zum Highlight wurde. Daran konnte auch ein vielleicht eher unwahrscheinlicher Zufall am Schluss, nichts mehr ändern. Denn dieses Ende habe ich nach all der Tragik, nach all den schweren Schicksalen und dem ganzen Leid, dringend gebraucht!
FAZIT: Eine äußerst beeindruckende Geschichte über tragische und traurige Schicksale während des 2. Weltkrieges und über Menschen, die sich selbstlos für andere in Not einsetzen. Gegen Ende konnte ich das Buch nicht mehr aus den Händen legen und es wirkt noch lange in mir nach! 4,5/5 Sterne und ein Jahreshighlight!
(CN: U. a. Krieg, Antisemitismus, Tod, Mord, Fehlgeburt, Mutterschaft, Flucht, viele Leichen)