Die Kreutzersonate, 1889 entstanden, ist eine der kompromisslosesten späten Erzählungen Leo Tolstois. In der Form einer Rahmenerzählung berichtet Posdnyschew von seiner Ehe, seiner rasenden Eifersucht und dem Mord an seiner Frau, ausgelöst durch deren musikalische Nähe zu einem Geiger und Beethovens Sonate. Der nüchterne, dialogische Realismus verbindet psychologische Präzision mit traktathafter Zuspitzung; so steht der Text zugleich im Kontext des russischen Realismus und von Tolstois spätem moralphilosophischem Schreiben. Tolstoi, 1828 als Graf in Jasnaja Poljana geboren, hatte nach Kriegserfahrung, Weltruhm und familiärem Leben eine tiefgreifende religiös-ethische Krise durchlaufen. Seine Ablehnung von Besitz, institutioneller Kirche, Gewalt und sinnlicher Selbstsucht prägte die Werke nach Anna Karenina. Die Kreutzersonate erwächst aus dieser asketischen Wende: Tolstoi untersucht Ehe, Begehren und gesellschaftliche Heuchelei nicht als private Irrtümer, sondern als Symptome einer fehlgeleiteten Zivilisation. Empfohlen sei dieses Buch allen Leserinnen und Lesern, die Literatur als intellektuelle Zumutung schätzen. Die Erzählung ist kein bequemer Ehe- oder Kriminaltext, sondern ein verstörendes Experiment über Schuld, Sexualmoral, Macht und Selbstrechtfertigung. Gerade ihre Einseitigkeiten machen sie historisch und ästhetisch bedeutsam: Sie zwingt dazu, Tolstois radikale Fragen ernst zu nehmen, ohne seinen Antworten blind zu folgen.