Wilhelm Buschs Die fromme Helene ist eine gereimte Bildergeschichte von 1872, die unter der Maske komischer Leichtigkeit eine scharfe Satire auf bürgerliche Frömmigkeit, sexuelle Doppelmoral und moralische Selbsttäuschung entfaltet. In knappen, pointierten Versen und prägnanten Zeichnungen verfolgt Busch den Lebensweg Helenes, deren demonstrative Tugendhaftigkeit immer wieder mit Begierde, Eitelkeit und gesellschaftlicher Heuchelei kollidiert. Literarisch steht das Werk zwischen spätem Biedermeier, Realismus und moderner Bildsatire; es verdichtet Erzählung, Karikatur und Aphorismus zu einer frühen Form sequenzieller Kunst. Wilhelm Busch, 1832 in Wiedensahl geboren und 1908 ebendort gestorben, war Zeichner, Maler und Dichter, dessen Werk aus genauer Beobachtung provinzieller Milieus erwuchs. Seine Ausbildung in Düsseldorf, Antwerpen und München, seine Mitarbeit an illustrierten Blättern sowie sein skeptischer Blick auf Religion, Erziehung und Konvention prägten diese Erzählung. Nach Max und Moritz entwickelte Busch hier seine Kritik an scheinbar unanfechtbaren moralischen Ordnungen weiter. Empfohlen sei Die fromme Helene allen Leserinnen und Lesern, die literarischen Witz nicht mit Harmlosigkeit verwechseln. Das Buch bleibt ein brillant gebautes, unbequemes Meisterstück deutscher Satire.