Max Dauthendeys Lingam ist eine dichterische Prosaarbeit, in der das indische Kultzeichen des Shiva zum Mittelpunkt einer Erkundung von Sinnlichkeit, Religion und metaphysischer Sehnsucht wird. Das Buch verbindet erzählerische Beobachtung mit symbolistischer Verdichtung: Farben, Düfte, Körper und Rituale erscheinen weniger als ethnographische Details denn als Träger innerer Zustände. Im literarischen Kontext des Fin de Siècle und des Jugendstils steht Lingam nahe bei jener europäischen Asien-Imagination, die das Fremde zugleich bewundert, ästhetisiert und als Spiegel eigener Krisen nutzt. Max Dauthendey, 1867 in Würzburg geboren und 1918 auf Java gestorben, war Dichter, Erzähler und unermüdlicher Reisender. Als Sohn eines Fotografen früh für Bildwirkung, Licht und Perspektive sensibilisiert, entwickelte er eine Sprache von hoher visueller Intensität. Seine Reisen nach Indien, Ostasien und in den pazifischen Raum prägten sein Werk nachhaltig; Lingam lässt sich als literarische Frucht dieser Begegnungen lesen, aber auch als Ausdruck seiner Suche nach einer Kunst, die Körperliches und Geistiges versöhnt. Empfohlen sei Lingam Lesern, die nicht bloß Handlung, sondern sprachliche Atmosphäre, kulturgeschichtliche Spannung und symbolische Tiefenschichten suchen. Das Werk fordert heutige Lektüre durch seine exotistischen Voraussetzungen heraus, belohnt sie jedoch mit einem eindrucksvollen Zeugnis deutscher Weltliteratur um 1900.