Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Joanne, einer 33-jährigen Immobilienmaklerin, die mit ihrem deutlich älteren Mann Richard und ihrem vier Monate alten Baby in einem abgeschiedenen, luxuriösen Haus lebt. Als Richards erwachsene Tochter Chloe plötzlich einzieht, zunächst nur als Übergangslösung, verändert sich die Stimmung im Haus spürbar. Was als Hilfe gedacht ist, vor allem durch Chloes Angebot, auf das Baby aufzupassen, wird schnell zu einer Quelle permanenter Anspannung.
Joanne erlebt Chloe als kühl, feindselig und manipulativ, sobald sie allein sind. Vor Richard jedoch zeigt Chloe ein völlig anderes Gesicht. Dieses Ungleichgewicht zieht sich durch den gesamten Roman und bildet den Kern der psychologischen Spannung. Joanne fühlt sich zunehmend isoliert, nicht ernst genommen und beginnt, an sich selbst zu zweifeln. Gerade weil alles aus ihrer Sicht geschildert wird, bleibt lange offen, ob ihre Wahrnehmung zuverlässig ist oder ob Angst, Schlafmangel und Unsicherheit sie täuschen.
Nicola Sanders versteht es gut, diese Unsicherheit aufrechtzuerhalten. Der Thriller spielt sich fast ausschließlich innerhalb der vier Wände ab und erzeugt eine beklemmende Atmosphäre, die sich stetig verdichtet. Die Kapitel sind kurz, der Stil flüssig und sehr zugänglich, sodass sich das Buch schnell liest und einen konstanten Sog entwickelt. Ich war durchgehend gespannt und habe die Geschichte an einem Tag beendet.
Gleichzeitig liegt hier auch mein größter Kritikpunkt. Joanne ist sehr stark als Opfer angelegt. Ihre Hilflosigkeit, ihr Ausgeliefertsein und das konsequente Nicht-Glauben ihres Mannes wirken mit der Zeit ermüdend. Anstatt die Spannung weiter zu steigern, hat mich diese Konstellation stellenweise eher frustriert. Für Leserinnen und Leser mit viel Thriller-Erfahrung dürfte zudem vieles vertraut wirken.
Die Handlung folgt bekannten Mustern des Genres und überrascht nur selten wirklich.
Als Psychothriller ist das Buch solide konstruiert und gut erzählt, bietet aber wenig Neues. Wer z. B. Freida McFadden oder Joy Fielding regelmäßig liest, wird ähnliche Geschichten schon kennen. Für Einsteiger in das Genre eignet sich der Roman jedoch sehr gut, gerade weil er leicht zugänglich ist und sich problemlos an einem Wochenende verschlingen lässt.
Fazit:
Am Ende bleibt für mich ein fesselndes, aber vorhersehbares Leseerlebnis. Gut gemacht, spannend erzählt, ohne nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.