Worum gehts?
Ewert Grens wird in den Ruhestand versetzt. Eigentlich endgültig. Doch als Piet Hoffmann aus dem Gefängnis heraus um seine Hilfe bittet, weil der Tod eines Kindheitsfreundes ungeklärt bleibt, kehrt Ewert noch einmal zurück. Ein letzter Fall. Vielleicht.
Meine Meinung:
Ich mag die Krimiserie rund um Ewert Grens einfach. Sie fühlt sich anders an als viele andere Reihen, weil sie unbequeme Themen aufgreift, nachwirkt und unter die Haut geht. Auch im fünften Band, Schattenkind, bleibt Anders Roslund dieser Linie treu und schickt uns direkt hinter schwedische Gardinen.
Diesmal steht allerdings nicht Ewert im Mittelpunkt, sondern sein ehemaliger Partner Piet Hoffmann. Jahrelang hat er für Ewert die Unterwelt infiltriert, jetzt sitzt er selbst im Gefängnis. Dort wird er brutal mit seiner eigenen Kindheit konfrontiert, als ein neuer Mitgefangener auftaucht: der kleine Bruder seines besten Freundes, dessen großer Bruder mit nur 15 Jahren im Jugendknast ermordet wurde. Die Figuren sind dabei extrem stark gewählt. Hier wirkt niemand austauschbar, jede Figur bringt Gewicht, Geschichte und emotionale Tiefe mit und macht die Atmosphäre noch greifbarer.
Roslund zieht uns tief hinein in die Gefängniswelt. In den Jugendknast von vor 30 Jahren mit all seiner Willkür, Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Und parallel in die Gegenwart, zu der Angst der Jugendlichen vor der Freiheit, weil sie kaum eine echte Chance haben, auszusteigen. Dazu kommt der Blick auf den Alltag eines Wärters und erwachsener Insassen. Diese beiden Zeitebenen, damals und heute, bilden einen intensiven, ungewöhnlichen Rahmen, auf dem der Fall aufgebaut ist spannend, dicht und stellenweise fast thrillerhaft.
Ich war komplett gefesselt von den Ermittlungen, die Piet und Ewert anstellen, von den Perspektiven, die sich öffnen, und von den Themen, die mitschwingen: Gewalt, Freundschaft, Hoffnung und Verlust. Für mich ist dieser Band möglicherweise der bislang stärkste der Reihe. Ein echter Pageturner mit authentischen Ermittlungen und einer Lösung, die sich nicht einfach sauber einordnen lässt. Unerwartet und so nicht vorhersehbar. Oder vielleicht doch? Lesen. Herausfinden. Und bitte, lieber Ewert, bleib noch ein bisschen im Dienst.
Fazit:
Anders Roslund liefert mit Schattenkind einen Kriminalroman, der weit über klassische Ermittlungsarbeit hinausgeht. Der Blick in die Gefängniswelt, die starken Figuren und die klug verwobenen Zeitebenen sorgen für eine enorme Sogwirkung. Besonders Piet Hoffmann verleiht der Geschichte emotionale Tiefe und moralische Schärfe. Spannung, Atmosphäre und Nachhall greifen hier perfekt ineinander. Für mich ein herausragender Band der Ewert-Grens-Reihe.
5 fesselnde Sterne von mir.