In einer True-Crime-Episode auf YouTube wird der Fall "Halvard Bjørnstad" aus dem Jahr 2009 thematisiert. Seinerzeit hatte dieser zwei Morde begangen und plante einen erweiterten Suizid mit seinen Töchtern. Er ertrank, aber die Kinder überlebten. Angeblich ist jetzt ein Zeuge aufgetaucht, der behauptet, dass der mörderische Vater nicht gestorben ist, sondern entkommen konnte. Diese Information schockiert Sanna und Elin, die überlebenden Kinder. Sofort engagiert Sanna ihren Chef, den Privatdetektiv Rolf "Wolf" Larsen, um die Wahrheit herauszufinden. Sie und Elin müssen unbedingt wissen, ob ihr Peiniger tatsächlich tot ist. Wolf ermittelt und entdeckt, dass Halvard Bjørnstad, Doppelmörder und Kinderschänder, möglicherweise noch lebt.
"Einsam wie der Tod" ist der dritte Band der Norwegenkrimireihe von Bernhard Stäber. Als Neueinsteigerin habe ich mich gut zurechtgefunden. Obwohl die Gewalt und der Missbrauch, dem die Mädchen ausgesetzt waren, erschütternd sind, hat mich der Fall schnell gefesselt.
Wolf und Sanna finden heraus, dass der Informant des YouTubers Vidar Kvernberg ein ehemaliger Polizist, Einar Åsen, ist. Dieser bestätigt, dass damals in unmittelbarer Nähe der Stelle, wo Bjørnstad ins Meer stürzte, ein junger Sportsegler auf dem Weg zu den Orkneyinseln ankerte. Diese mögliche Spur wurde seinerzeit nicht weiter verfolgt, weil der Sohn einer sehr reichen Familie erfolgreich von Anwälten abgeschirmt wurde. Åsen gibt den Detektiven zwar den Namen des Seglers, aber ihre Ermittlungen stagnieren. Nach zwei Monaten hält Elin, die an einer Borderline-Störung leidet, die Ungewissheit nicht mehr aus. In einer Nacht- und Nebelaktion dringt sie zu dem reichen Erben vor und fragt ihn, ob er Bjørnstad zu den Orkneyinseln mitnahm. Ihr schlimmster Albtraum wird wahr.
Stäbers Charaktere haben mich überzeugt. "Wolf" Rolf Larsen, vom Tod seiner Frau erschüttert, benötigt einen Neuanfang und verlässt Oslo und Kripos in Richtung Provinz. Er ist gut vernetzt, sympathisch und nutzt seine Berufserfahrung für den neuen Job. Sanna arbeitet als Journalistin und stundenweise für Wolf als freie Mitarbeiterin. Sie kommt mit ihrer dissoziativen Identitätsstörung einigermaßen klar und findet sich im Leben zurecht, aber das Grauen ihrer Kindheit hat sie nie ganz losgelassen. Ihr Vater, Halvard Bjørnstad, betrachtet sich als tief religiösen Menschen. Tatsächlich hat er sich eine Welt konstruiert, die seine gewalttätigen Ausbrüche rechtfertigt und die Schuld für seinen pädophilen Missbrauch einem kleinen Mädchen bzw. dem Dämon, der in sie gefahren sein soll, anlastet.
Der Fall "Halvard Bjørnstad" wird auf zwei Zeitebenen erzählt.
2009 als die Gewalttaten und Übergriffe eines toxischen Vaters gegen seine Familie eskalierten und mit dem angeblichen Tod des Verbrechers endeten. Die Ereignisse werden aus wechselnden Perspektiven geschildert. Was die Mädchen erdulden mussten, ist genauso unerträglich, wie die Rechtfertigungsversuche des Täters.
In der Gegenwart wühlt eine True-Crime-Sendung die Vergangenheit wieder auf, die die Schwestern bis heute belastet. Bernhard Stäber vermittelt nachvollziehbar, warum die Schwestern mit der Ungewissheit nicht leben können, die ihre mühsam errungenen Fortschritte gefährdet. Sie müssen die Wahrheit erfahren und haben keine Wahl. Erneut lautet die Alternative: Er oder wir!
Die Geschichte hat mich in ihren Bann gezogen. Es war erschütternd zu lesen, was Sanna und Elin widerfahren ist und sie dauerhaft verletzt hat. Um so stärker fand ich ihre Weigerung, erneut die Opferrolle anzunehmen. Sie beschließen vielmehr aktiv zu werden und das Übel zu bekämpfen. Das sorgte bei mir für Gänsehaut. Ebenfalls Anteil an der eher düsteren Atmosphäre des Romans hat die gelungene bildhafte Beschreibung der wilden Natur Norwegens und der Orkneyinseln.
Der Spannungsbogen hält bis zum Showdown am Ende. Ich hoffe, dass die Reihe fortgesetzt wird und dann noch ein paar offene Fragen beantwortet werden. Bernhard Stäber hat mich so gut unterhalten, dass ich Band 1 und 2 noch lesen werde.
4,5 Sterne