Gestaltung:
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Bereits am Titelbild erkennt man, dass der Roman nicht eindeutig eingeordnet werden kann: Auf der einen Seite sieht es romantisch und sehnsuchtsvoll aus mit dem Leuchtturm im rosaroten Sonnenuntergang, auf der anderen Seite ist es auch etwas lustig-verrückt und fantasiereich, wenn man den Papageientaucher mit der Filmrolle im Schnabel sieht. Definitiv macht dieses Cover neugierig. Mit dem Schutzumschlag ist das Hardcover sehr hochwertig gestaltet, wobei ein Lesebändchen das positive Gesamtbild abgerundet hätte.
Inhalt:
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Buenos Aires 1910: Fabiola kommt als Säugling in ein Kloster, nachdem ihre Mutter bei der Geburt verstorben ist und ihr Vater sich mit der Verantwortung für ein Neugeborenes überfordert fühlt. Sie ist wunderschön und entwickelt ein Faible fürs Tango-Tanzen und für Schuhe. Mit 17 Jahren wird sie auf der Tanzfläche geschwängert und so kommt ihre Tochter Carmelita auf die Welt. "Lita", wie sie von allen genannt wird, sehnt sich nach einer fürsorglichen Mutter. Doch das kann Fabiola ihr nicht bieten, denn sie ist freiheitsliebend und chaotisch und zieht die Männer an wie Motten das Licht. Diese Eigenschaften führen dazu, dass Lita mit ihrer Mutter Buenos Aires verlassen muss und schließlich auf einer Insel zwischen Nova Scotia und Neufundland namens "Upper Puffin Island" (Puffin= Papageientaucher) stranden. Hier findet Lita in der gehörlosen Oona eine gleichaltrige Freundin, wird erwachsen und erfährt die erste Liebe. Und sie begegnet Mr. Saito und seinem Wanderkino, wodurch ihr Leben in neuen, ungeahnten Bahnen verläuft.
Mein Eindruck:
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"Fabiola zog ihre Himbeerschuhe aus und stellte sie behutsam beiseite. Dann flogen ihre Strümpfe ab, und wir legten uns unter den höchsten Himmel der Welt und ließen die Sonne auf unseren nackten Beinen spielen. Meine Mutter zündete sich eine Zigarette an, als wir dem neuen Rauschen der Wellen lauschten. Sechs mittlere und dann die siebte Welle mit ihrem gewaltigen Tosen. Immer sieben, wie im Märchen. Währenddessen summte sie Valencia, Valencia ... Es wird schon alles gut gehen." (S. 83f.)
Entlang der genannten sieben Wellen ist auch der Roman eingeteilt, wobei die ersten fünf nach Zeitabschnitten unterteilt sind, angefangen von 1910 bis hin zum Jahre 1949. Die letzten "Wellen" beschäftigen sich dagegen mit Carmelitas Gegenwart bzw. ihrem weiteren Lebensverlauf.
Die Geschichte ist aus Litas Sicht geschrieben und ihre kindliche, aber auch poetische Sicht auf die Welt verleiht der Erzählung ihren besonderen Charme. Der erste Satz "Ich wurde 1927 auf einer Tanzfläche in Buenos Aires gezeugt ..." weckt bereits die Neugier und besonders das Tänzerische von Fabiola wird Litas Kindheit einen besonderen Stempel aufdrücken. Ich mochte Lita sehr, manchmal hat mich ihre scharfe Beobachtungsgabe gepaart mit einer naiven Ausdrucksweise schmunzeln lassen. Einige ihrer Bilder fand ich jedoch auch sehr treffend formuliert, wie z. B. das der Schnittmenge:
"Zwei Kreise waren da eingezeichnet, die sich großflächig überlappten. Was ist die gemeinsame Schnittmenge?
Ich war zwar nicht in der Lage, den Prozentsatz auszurechnen, freute mich aber so sehr über die gemeinsame Schnittmenge, dass ich gar nicht genug davon bekommen konnte. Je größer das Stück war, das die beiden Kreise miteinander teilten, desto schöner fühlte es sich an.
Leider wusste ich auch, dass das bei Weitem nicht auf alle Menschen zutraf. Bei vielen Menschen glich das Bedürfnis nach Gemeinsamkeit nur einer dünnen Mondsichel. An der Stelle kommen Menschen wie ich ins Spiel. Wir dürsten nach einer gemeinsamen Schnittmenge, die weit über das zulässige Maß hinausgeht. Mierda! Am Ende wird es fast unmöglich, die Kreise voneinander zu trennen, wenn die eigene Mutter ohne Vorwarnung verschwindet, der eigene Vater auf Weltreise geht und die einzige Freundin stundenlang auf dem Schoß ihrer Mutter sitzen darf und außerdem einen Familienstammbaum mit den wildesten Ästen hat. Da fühlt man sich schnell in den eigenen geschlossenen Kreislauf verbannt.
[...] Wir Menschen können einen kurzen Moment die Kreise anderer besuchen, aber niemals dort einziehen. Alle hatten ihre eigene Insel, um die sie sich kümmern mussten. Es war fast nicht auszuhalten." (S. 143f)
Ich finde es schwer, dieses Buch in Worte zu fassen. Auf der einen Seite gibt es besonders auf den ersten zweihundert Seiten viele Längen. Die Landschaften werden beschrieben, Litas Gedankengänge, der Alltag der Menschen auf Upper Puffin Island usw. Und es passiert anfangs wenig. Erst viel später als erwartet, trifft Mr. Saito auf der Insel ein und verändert mit seinen Besuchen Litas Welt und auch das ihrer Freundin Oona. Bis dahin habe ich sehr lange gebraucht und wollte das Buch schon fast abbrechen. Zum Glück habe ich es nicht getan, denn danach hatte mich die Handlung gefangen und besonders die letzten Wellen vergingen dann wie im Flug. Ich habe mit Lita gefreut, geweint und gehofft. Auch die Ausmaße des Zweiten Weltkriegs werden spürbar und das harte Leben der Fischer. Dennoch durchzieht immer ein Faden von Hoffnung und Humor das Erzählte, sodass es nie länger zu traurig wird.
Es klingt immer wieder durch, wie sehr Lita gerne eine "normale" Mutter und auch einen Vater hätte. Um eine Form von Normalität zu wahren, hat sie ein Sammelalbum angelegt mit Fotos ihrer Mutter und von Männern, die sie sich als Vater vorstellen könnte. Bei Problemen wendet sie sich zeitweise an ihren imaginären Freund "Ei", was beim Lesen etwas skurril anmutet.
Spannend fand ich die Darstellungen der neu aufkommenden Technik: Da ist zum einen Mr. Saitos Wanderkino, d. h. die ersten Stummfilmdarbietungen, die zu den Leuten getragen werden und später vom Tonfilm abgelöst werden. Und da ist der Tierarzt, der der Allgemeinmediziner im Ort ist und Dinge wie ein künstliches Trommelfell aus Schweinsblasen oder ein Gestell zur besseren Fortbewegung erfindet. Und noch viele Dinge mehr. Es passiert einerseits so viel und man wird als Leser Teil von vielen spannenden und skurrilen Gedanken von Lita, aber auf der anderen Seite hat man manchmal auch das Gefühl, dass es zu viel ist und besonders am Anfang sich vieles in die Länge zieht.
Dennoch war es eine besondere Art von Leseerfahrung, die ich letztendlich sehr genossen habe und ich habe mir auch einige schöne Zitate notiert. Nachdem die letzten Wellen doch schnell dahinglitten, gebe ich dem Roman 3.5 Punkte, die ich auf 4 aufrunde.
Fazit:
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Anfangs mit Längen, dann aber eine warmherzige und mitreißende Handlung mit allen Emotionen ("Wellen") des Lebens und wundervollem Ende!