Worum gehts?
Cedar hat fast ihr gesamtes Leben in Pflegefamilien verbracht, bevor sie schließlich bei der neuen Familie ihres Vaters unterkommt ein Ort, der Sicherheit verspricht, aber keine Heilung garantiert. Ihre Schwester Phoenix bringt während ihrer Haft ein Kind zur Welt, das sie niemals sehen darf. Und ihre Mutter Elsie kämpft verzweifelt gegen ihre Sucht, gegen Rückfälle, gegen ein System, das ihr kaum eine echte Chance lässt in der Hoffnung, ihre Kinder eines Tages wieder zu sich holen zu können.
Meine Meinung:
Katherena Vermettes Roman Die Frauen der Familie ist ein Buch, an dem ich lange gelesen habe nicht, weil es sperrig wäre, sondern weil es weh tut. Die Geschichte ist so intensiv, so schonungslos und so erschreckend, dass ich immer wieder innehalten musste. Die Worte graben sich unter die Haut, sie lassen sich nicht einfach konsumieren und beiseitelegen.
Erzählt wird auf mehreren Ebenen, aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeiten. In der Gegenwart begleiten wir Cedar, die in der Ich-Form erzählt. Sie ist diejenige, die trotz all der Steine, die ihr das Leben in den Weg legt, versucht, Ordnung in ihr Dasein zu bringen, auch wenn sie dadurch zur Außenseiterin wird. Dann ist da Phoenix, ihre Schwester, die aus dem Gefängnis heraus berichtet, gefangen in schweren Depressionen und in einer Realität, die ihr kaum Luft zum Atmen lässt. Hinzu kommt Elsie, die Mutter, deren Leben vom ständigen Drang nach dem nächsten Schuss, der nächsten Pille bestimmt wird. Und schließlich führt uns die Vergangenheit zu Margarete, die durch eine ungewollte Schwangerschaft vieles verloren hat, was einmal möglich schien.
Das sind sie: die Frauen der Familie Stranger. Indigene Frauen, deren Lebenswege exemplarisch zeigen, wie tief Vorurteile, Gewalt, Unterdrückung und strukturelle Ungerechtigkeit greifen. Dieses Buch ist nicht leicht und darf es auch nicht sein. Beim Lesen musste ich immer wieder pausieren, das Gelesene sortieren, verarbeiten. Es zeigt, wie wenige es schaffen, sich aus den Zuschreibungen und Schubladen zu befreien. Wie gnadenlos ein Stempel wirken kann. Wie oft allein die Hautfarbe genügt, um als minderwertig betrachtet zu werden.
Der Roman fühlt sich erschreckend echt an: roh, intensiv, lebendig. Er durchmisst eine breite Palette an Emotionen, vor allem dunkle, schmerzhafte. Und doch gibt es sie, diese leisen Momente der Hoffnung vor allem durch Cedar, die wie ein schmaler Lichtstreifen durch die Geschichte führt. Ein kleiner Kritikpunkt bleibt: Die Zeitebenen sind nicht immer klar gekennzeichnet, sodass sich in manchen Kapiteln erst nach einigen Seiten erschließt, in welchem Kontext man sich gerade befindet. Doch das schmälert die Wirkung kaum. Das Buch geht tief unter die Haut, setzt sich im Gedächtnis fest und wirkt lange nach.
Fazit:
Katherena Vermettes Die Frauen der Familie ist ein schweres, eindringliches Buch, das sich nicht leicht konsumieren lässt und genau darin seine Stärke hat. Der Roman erzählt schonungslos von generationsübergreifenden Traumata, struktureller Ungerechtigkeit und dem Kampf indigener Frauen um Würde, Sichtbarkeit und ein selbstbestimmtes Leben. Die Vielstimmigkeit der Erzählung verstärkt die emotionale Wucht und macht deutlich, wie tief persönliche Schicksale in gesellschaftliche Strukturen eingebettet sind. Ein intensiver Roman, der fordert und lange im Gedächtnis bleibt.
4 Sterne von mir.