"We are Austria. 77 außergewöhnliche Frauen aus Österreich" von Nina Pavicsits ist am 02.10.2025 im Molden Verlag (Styria Buchverlage) erschienen. Das Buch sammelt die Lebensgeschichten von 77 (un-)bekannten Frauen, von Kaiserin Maria Theresia über Schriftstellerinnen wie Elfriede Jelinek bis hin zu Aktivistinnen wie Ute Bock oder Künstlerinnen wie Stefanie Sargnagel. Jede Frau bekommt eine Doppelseite mit einer farbenprächtigen Illustration auf der einen und einem kurzen Text in Ich-Form auf der anderen. Die Texte basieren auf öffentlicher Recherche; Interviews wurden (leider) nicht geführt.
Meine Meinung
Die Grundidee des Buches hat mich sofort begeistert, weswegen ich auch ein Reziexemplar beim Verlag angefragt habe (vielen Dank für die Bereitstellung). In der Einleitung zum Buch schreibt Pavicsits, dass sie ursprünglich ein Buch über bekannte Österreicherinnen für ihre Kinder im Stil der "Good Night Stories For Rebel Girls" suchte, aber keines fand. Also hat sie es selbst gestaltet und geschrieben. Diese Motivation spürt man beim Lesen: Die Auswahl der porträtierten Frauen ist divers und deckt verschiedene gesellschaftliche Bereiche, Generationen, Klassen und Talente ab. Viele der Namen waren mir völlig neu. genaugenommen kannte ich bisher nur 23 der portraitierten Frauen. Allein deshalb ist das Buch für mich ein echter Gewinn.
Die Umsetzung als illustriertes Porträtbuch ist meiner Meinung nach auch gelungen. Jede Doppelseite ist optisch ein Hingucker; farbenprächtig und abwechslungsreich gestaltet. Die Entscheidung für die Ich-Form bei den Texten ist nachvollziehbar: Sie soll Nähe schaffen und die Frauen direkt sprechen lassen. Gleichzeitig zeigt sich hier die größte Problematik: Die Ich-Perspektive wirkt bei den nicht zum Teil unautorisierten Texten irritierend, da sie eine Stimme beansprucht, die nicht der jeweiligen Frau gehört. Dadurch können die im Buch zu findenenden Aussagen, grad auch weil sie mittels KI zusammengefasst/gekürzt wurden schnell fehlinterpretiert werden. Eine neutrale Form hätte denselben informativen Wert geliefert, ohne den Anspruch vorzutäuschen, die Frauen sprächen selbst.
Inhaltlich liefern die Portraits kurze, aber motivierende Einblicke. Man merkt, dass sich die Autorin Mühe gegeben hat, die Geschichten kompakt und zugänglich zu erzählen. Persönlich hätte ich mir weniger Frauen (kann man ja dann in Band 2-x immer noch ergänzen :D), dafür mehr Tiefe in den Portraits gewünscht. Dennoch schafft das Buch es, Motivation und Inspiration zu vermitteln und gerade für junge Leser:innen ist die verkürzte Darstellung wahrscheinlich praktikabler.
Die öffentliche Debatte um das/Kritik zum Buch ist verständlich und wichtig: Einige lebende Frauen haben die Texte nicht autorisiert oder wurden erst gar nicht kontaktiert. Hier hat der Verlag klar ein Versäumnis eingeräumt und will in einer nächsten Auflage entsprechende Korrekturen vornehmen. Das zeigt wieder einmal, dass die Recherche bei Büchern und vor allem der interne Verlagsablauf für Freigabeprozesse besondere Sorgfalt erfordern. Mein Eindruck beim Lesen: Trotz dieser Kritik bleibt der Wert des Buches hoch, aber die Umsetzung hätte sorgfältiger sein müssen, gerade was Freigaben und Transparenz betrifft. Auch das Thema KI bei der Texterstellung bzw. -verwertung hätte definitiv besser gekennzeichnet werden müssen, gerade weil ja eines der vielen Anwendungsfelder von KI in der Kürzung und Zusammenfassung von Texten liegt, wie es genau hier der Fall ist. Bei den Bildern gab es einen entsprechenden Hinweis, der bei den Texten leider fehlt.
Fazit
"We are Austria" ist ein inspirierendes und wichtiges Buch, das Sichtbarkeit für österreichische Frauen schafft, die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft geprägt haben. Gleichzeitig zeigt es, wie wichtig Sorgfalt, Transparenz und Verantwortung sind, gerade bei Ich-Form-Texten über lebende Persönlichkeiten. Ich empfehle es:
- allen, die neue weibliche Vorbilder entdecken möchten,
- allen, die Jugendliche für Diversität und Empowerment begeistern wollen,
- allen, die leicht zugängliche illustrierte Biografien schätzen, aber selbst noch nachrecherchieren wollen.
Danke an der Stelle an den Molden Verlag / Styria Buchverlage für das Rezensionsexemplar.