Konstantinopel im Jahr 1007: Seit sieben Jahren liegt Europa unter einer unnatürlichen Kälte. Reiche sind zerfallen, Banden ziehen mordend durch das Land, und mit dem Winter sind Kreaturen gekommen, die mehr sind als bloße Mythen. Über allem steht der Verdacht einer geheimnisvollen Gestalt der Weißen Hexe.
Im Zentrum der Handlung steht das Waisenmädchen Halla. Sie scheint zunächst unscheinbar, doch rasch wird klar, dass sie von verschiedenen Fraktionen gesucht wird. Nach dem Tod ihrer Pflegeeltern flieht sie mit ihrem Onkel Orpheus, einem fahrigen Musiker, der alles andere als ein klassischer Held ist. Parallel dazu begleiten wir weitere Perspektiven: die Söldnerin Skadi, deren Auftrag zunehmend Risse bekommt, und Kaiserin Theophanu, die nach Antworten über den verschwundenen Sohn und den Ursprung des Winters sucht.
Der Roman ist bewusst komplex angelegt. Mehrere Erzählstränge laufen nebeneinander, ohne sich sofort zu verbinden. Das verlangt Aufmerksamkeit, wirkt aber nie beliebig. Vielmehr entsteht der Reiz gerade daraus, dass Zusammenhänge nur angedeutet werden und sich Motive erst allmählich erschließen. Das offene Ende ist konsequent und macht klar, dass dies ein Auftakt ist kein in sich abgeschlossener Roman.
Besonders gelungen ist die Atmosphäre. Kälte und Bedrohung sind nicht bloße Kulisse, sondern prägen jede Szene. Sevänen beschreibt eine Welt, die feindlich, rau und müde wirkt. Diese Stimmung trägt sich vor allem im letzten Drittel des Buches sehr stark. Auffällig sind auch Hallas Traumsequenzen, die sich einer eindeutigen Deutung entziehen und eher Fragen aufwerfen als Antworten zu geben erzählerisch eine der interessantesten Ebenen des Romans.
Stilistisch verbindet der Autor historische Anmutung mit klarer, bildhafter Sprache. Die Vermischung von realer Geschichte, nordischer Mythologie und christlichen Motiven ist gut durchdacht und wirkt organisch. Historische Abweichungen sind deutlich erkennbar, stören aber nicht, solange man den Roman klar als Fantasy liest.
Die Figuren sind klar gezeichnet, ohne schon in die Tiefe zu gehen. Vieles bleibt bewusst offen moralisch wie inhaltlich. Wer einfache Gut-und-Böse-Zuschreibungen sucht, wird hier nicht fündig. Gerade das macht den Roman interessant und verspricht Entwicklung in den Folgebänden.
Ein anspruchsvoller, atmosphärisch dichter Auftakt, der Geduld und Aufmerksamkeit belohnt. Der Weg des ewigen Winters ist keine schnelle Fantasy-Lektüre, sondern ein vielschichtiger Einstieg in eine Welt, die nach und nach ihre Geheimnisse preisgibt. Für Leserinnen und Leser, die historische Fantasy mit Tiefe, dunkler Stimmung und erzählerischem Anspruch schätzen.