Die Drehung der Schraube, 1898 erschienen, ist eine der raffiniertesten Gespenstergeschichten der Weltliteratur. In der Rahmenerzählung berichtet eine Gouvernante von zwei scheinbar engelhaften Kindern, einem abgelegenen Landsitz und Erscheinungen, die ebenso reale Heimsuchung wie psychische Projektion sein könnten. James verbindet viktorianische Gothic-Tradition mit modernistischer Mehrdeutigkeit: Andeutung, Auslassung und kontrollierte Perspektive ersetzen den plakativen Schrecken und machen das Erzählen selbst zum Schauplatz des Grauens. Henry James, 1843 in New York geboren und später in England heimisch, war ein Meister psychologischer Beobachtung und sozialer Nuance. Seine transatlantische Biographie, sein Interesse an Bewusstsein, Wahrnehmung und moralischer Selbsttäuschung sowie die kulturellen Ängste des Fin de Siècle prägen diese Novelle. Die Figur der Gouvernante erlaubt ihm, Fragen nach Autorität, Sexualität, Klassenordnung und kindlicher Unschuld in eine beklemmend unentscheidbare Form zu bringen. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die literarischen Horror nicht als Effekt, sondern als Denkform schätzen. Wer Poe, Stevenson oder die frühe Moderne liest, findet hier ein Schlüsselwerk erzählerischer Ambivalenz. Die Drehung der Schraube belohnt sorgfältige Lektüre, provoziert widersprüchliche Deutungen und bleibt gerade deshalb verstörend gegenwärtig.