Die Idee, gemeinsam zu lesen, ist wunderbar. In Zeiten, in denen wir um Verständnis, Toleranz und Konsens kämpfen, ist dies ein Zeichen, das ich gerne mit hochhalte.
Deutschland liest Real Americans. Einen groß angelegten amerikanischen Familienroman, der in Amerika eine schneidende Brisanz haben sollte. Die Idee des American Dreams steht auf dem Prüfstand: Ein Bauernmädchen kann eine renommierte Wissenschaftlerin werden. Alles ist möglich.
Aber wer sind wir Menschen, wenn alles möglich ist? Was bedeutet es für eine riesige Nation, wenn es es keinen ureigenen Kern gibt, der alles kulturell und ideell zusammenhält?
Lily ist die Tochter chinesischer Einwanderer, die allerdings nur Englisch spricht. Sie ist unbezahlte Praktikantin und verliebt sich in Matthew, den reichen Unternehmersohn, die Bilderbuch-Beziehung scheint perfekt. Alles ist leicht, doch schon bald dominieren die Klassenunterschiede und subtil verhandelten Erwartungen. Ein Geheimnis der Familiengeschichte kommt ans Licht, Lily verschwindet mit dem gemeinsamen Sohn Nick. Als Teenager beginnt er, Fragen nach seinem Vater und seiner Herkunft zu stellen.
Das Thema von Real Americans ist nicht neu. Drei Generationen begeben sich auf die Suche nach dem Glück. Rachel Khong montiert eine Liebesgeschichte in die Geschichte der Genforschung und erzählt die Dilemmata der Migration. Das Ergebnis ist die generationenübergreifende Suche nach Identität. Der Mensch wird zum Kosmos aus dem, was andere in ihm sehen, aus Selbstwahrnehmung, Erziehung, den Erwartungen der anderen und der Diskrepanz zwischen dem Äusseren und dem Inneren.
Sehr intelligent verwebt die Autorin das Thema der Genforschung in die Handlung. Lebewesen tragen einen Code in sich, der ihr Wesen bestimmt. Was als Chance beginnt, den Code zu verändern, um Gendefekte und damit Krankheiten auszuradieren, entwickelt sich zu einem weitreichenden Szenario: Auch den Charakter zu kodieren, wird schon 2030 eine gängige Praxis werden, Nick wird in den Fußstapfen seiner Großmutter maßgeblich daran beteiligt sein.
Wird etwas physiognomisch sichtbar sein, wenn der genetisch fehlerhafte Code verschwindet? Rachel Khong macht an dieser Stelle mit viel erzählerischem Verve eine ganze Bandbreite der Metaphorik auf. Erzählerisch verdichtet sich die Suggestion, dass im American Dream immer noch dem American Sunnyboy die Türen am weitesten offen stehen. Groß, athletisch, blond, gutaussehend. Ist es also erstrebenswert, einen Teil der eigenen Identität äußerlich zu verleugnen, sobald das möglich ist?
So öffnet sich die Debatte um Zugehörigkeit, um die Suche nach dem Platz in der Welt und natürlich darum, ob wir immer auch Teil unserer Familie sind, welcher Herkunft sie auch sein mag. Was können wir selbst wählen und was ist vorherbestimmt? Was ist Freiheit, wenn Rahmenbedingungen gesetzt sind? Ist Befreiung möglich ohne Selbstverleumdung?
Die ganze Zeit fließen Ströme von Alkohol, Koks und Selbsterkenntnis in rauen Mengen. Der Ton ist geprägt von Melancholie und einem allgegenwärtigen Gefühl der Verlorenheit. Die weiblichen Hauptfiguren erleben die Ausdehnung der Zeit, das perspektivische Spiel mit Wahrnehmungen und Entscheidungen wird zum tragenden Element. Wie werden Menschen überhaupt zu dem, was sie sind? Welchen Einfluss haben soziale Ungerechtigkeit, Stereotype und Narrative?
Real Americans ist ein Roman über die Liebe, die Hoffnung und das Vertrauen in die Integrität des Menschen. Wir sind eben doch mehr als ein Code und ein genetischer Cocktail. Wir sind der Zufallsgenerator. Impulsiv, unlogisch und menschlich.
Das Ende nach dem dramatischen dritten Teil, den ich mir ausführlicher und präsenter gewünscht hätte, konnten sich nur Real Americans ausdenken. In Technicolor.
Ich hab Real Americans gerne gelesen, der Roman bietet viel Stoff für Diskussionen aus allen Bereichen: Biogenetik, Migration, Flucht aus China, soziale Ungleichheiten, Beziehungen. Macht mit und lest dieses Buch! Es lohnt sich und liest sich wunderbar leicht und intensiv.