Die junge Lehrerin Kaede kümmert sich liebevoll um ihren an der Lewy-Körper-Demenz erkrankten Großvater. Außerdem verbringt sie immer wieder Zeit mit ihrem Kollegen Iwata und dessen Freund Shiki. Die von den Freunden beobachteten oder erlebten Rätsel trägt Kaede ihrem Großvater vor, der in seinen lichten Momenten darin brilliert, die Rätsel zu entschlüsseln. Doch Kaede hat ein eigenes Trauma und gerät so selbst in einen Fall----
»Die Bibliothek meines Großvaters« ist bereits der zweite Roman des japanischen Autors Masateru Konishi. Es beruht zum Teil auf dessen eigenen Erfahrungen mit der Pflege seines demenzkranken Vaters und lehrt die Leser*Innen einiges über die seltene Form der Demenz, das Lewy-Körper-Syndrom; dennoch erschienen mir einige Passagen nicht ganz glaubwürdig, sondern eher der dichterischen Freiheit zu unterliegen.
»Die Bibliothek meines Großvaters« war in Japan ein Bestseller und ist Teil einer Trilogie.
Die Handlung erinnert ein wenig an einen Episodenroman und ist durch die Treffen Kaedes mit ihrem Großvater sowie Iwara und Shiki angenehm verbunden und mit einem roten Faden ausgestattet.
Nach Art der klassischen Detektive löst Kaedes Großvater in seinem stillem Kämmerlein jedes Rätsel, das Kaede ihm vorträgt. Während im ersten Band noch der Schwerpunkt bei Agatha Christie liegt, kommt hier im zweiten Band das Gespräch immer wieder auf Alfred Hitchcock und seine klassischen Krimis.
Diesmal gibt auch Kaedes Freund Shiki den anderen ein Rätsel auf durch sein Verhalten, dem seine Freunde natürlich ebenfalls nachgehen und auch Kaedes großes Trauma spielt wieder eine Rolle.
Von der leicht erzählten Schreibweise sollte man sich nicht täuschen lassen, denn die Geschichten haben durchaus Tiefgang und die Handlung ist sehr emotional. Großartig empfand ich die Passage, in der Kaede mit ihrem Großvater wegen seiner zunehmenden Ausfälle eine Ärztin aufsucht und diese Kaede die positiven Seiten ihrer besonderen Situation aufzeigt und ermahnt, die Erkrankung nicht als Katastrophe anzusehen, sondern Mut macht. Dies gibt noch einmal einen anderen, bemerkenswerten Blick auf die Krankheit und kann auch den Leser*Innen Hoffnung machen, die ebenfalls mit einer Form von Demenz konfrontiert sind.
Die Figuren sind allesamt einfühlsam und mehrdimensional beschrieben; mich konnte ihr aller Schicksal absolut fesseln. Schade fand ich, dass die sich im ersten Band entwickelnden zarten Liebesbande nicht wirklich weiter verfolgt wurden; ich hoffe darauf, dass es hier im dritten und letzten Band zu einer Lösung kommt.
Der Roman ist auch eine Hommage an die klassische (Kriminal-)Literatur, und so besteht er nicht nur aus den ausschließlich mit Kombinationsgabe gelösten einzelnen Fällen, sondern enthält auch eine Vielzahl an Anspielungen und Hinweisen auf Bücher bzw. Filme (die ich leider nicht alle entschlüsseln konnte).
Sehr schön empfand ich das japanische Flair der Geschichte; nach einigen Erfahrungen muss ich doch sagen, dass japanische Autor*Innen Geschichten einfach ganz anders erzählen als alles, was ich sonst lese.
Lobend erwähnen möchte ich auch die wunderschöne Ausstattung des Buches mit dem wundervollen Farbschnitt; dieser zusätzliche Genuss entgeht des Lesern des Ebooks leider.
Ich empfehle das Buch gerne weiter an jeden, der sich auf den besonderen Erzählstil einlassen mag. Da in unserer Zeit eigentlich jede*r früher oder später mit dem Thema der Demenz in seinem Umfeld konfrontiert wird, möchte ich dieses Buch ebenfalls allen sehr ans Herz legen.