Stunden wie Tage ist Berlin. Es atmet Berliner Luft. Es beschwört das Pflaster der 1930er Jahre aus der bewegten Stadtgeschichte herauf, die Szenerie aus Hauseingängen, Kaffeetassen, Straßenbahnen und Stadtvillen. Zeitungsgeraschel und den Geräuschen des Lebens quillt aus den Kapiteln.
Shelly Kupferberg schreibt mit einer wunderbaren Mischung aus viel Imagination und präziser Sprache, die sich den Erkenntnissen detailreicher Spurensuche bedient. Und plötzlich ist es da, das facettenreiche Bild der Weltstadt im Wandel, in der gesungen, gelebt, getanzt und gearbeitet wird.
Als Shelly Kupferberg ihren Roman vorstellt, füllt sie mit ihrer schillernden Präsenz den ganzen Raum. Kein Zweifel, sie ist für die Bühne geboren. Sie erzählt von der Entstehung ihres Roman, von denen, bei denen sie die derben Sprüche aufgeschnappt hat und von den Recherchen, aus denen sich Stück für Stück ein ganzes Bild zusammengesetzt hat. Denn dieses Buch ist von Tatsachen inspiriert und erforscht die Geschichte eines Hauses im Stadtteil Schöneberg.
Es ist ein Roman über ein Haus und seine Menschen, die resolute Hausbesorgerin Martha, ihren Mann, den Briefträger Willy, seine jüdischen Besitzer Henry und Ber, den Mikrokosmos der Menschen, die hier wohnen und seinen Kiez. Da ist Liane, die Tochter Henrys, die keine andere Lebensrealität kennt als den Nationalsozialismus.
Als immer mehr Menschen ob des drohenden Unheils die Stadt verlassen, lebt Liane ihr Leben in vollen Zügen und stürzt sich voller Energie in die Liebe, das Nachtleben und den Widerstand.
Stunden wie Tage ist dramatisch und bewegend, erzählt ein Stück Geschichte und hält die Erinnerung an Menschen hoch, die ihren Weg in der schwersten Zeit des vergangenen Jahrhunderts gingen und dabei jeden Tag Entscheidungen trafen, die weitreichende Folgen haben konnten.
Gerne hätte ich noch mehr Innensichten von Liane erfahren, aber vielleicht wäre das auch zu viel für ein Buch gewesen. Wer weiß.