Pina fällt aus und das mit weitreichenden Konsequenzen. Pina ist pflegende Mutter ihres 20-jährigen Sohnes Leo, der im Autismus-Spektrum lebt und auf feste Routinen angewiesen ist. Sobald diese durcheinandergeraten, steckt Leo fest wie eine Dose im Automaten, er klemmt einfach. Pina hat den Umgang mit der überfordernden Realität für Leo optimiert und kann ihm angemessene Regulationsmechanismen anbieten. Jetzt ist es aber leider an der besonderen Hausgemeinschaft, sich um Leo zu kümmern und seine für Außenstehende ungewöhnlichen Strukturen zu verstehen. Und hierbei entdeckt jede:r Bewohner:in etwas Neues in sich und den anderen. Zu Beginn skizziert der Roman den Alltag von Pina und zeigt, was es bedeutet, eine pflegende Mutter zu sein: die eigenen Bedürfnisse hintanzustellen. Schon hier deutet Zischke mit feinem Foreshadowing an, dass Pina ausfallen wird wie der Titel verrät. Die Leserschaft lernt Inge, 86, kennen, die bereits stundenweise Leo betreute, Wojtek der Bär, einen Kristalltiersammler, und die 16-jährige Zola, Tochter des Vermieters, die im Leben feststeckt. Gemeinsam bewältigen sie die Herausforderung, Leo angemessen zu unterstützen, und wachsen dabei langsam zu einer ungewöhnlichen Gemeinschaft zusammen. Zischkes Schreibstil ist nahbar und realitätsnah, ihre Sätze bleiben im Gedächtnis. Sie bringt viel Wahrheit in den Roman, etwa in Aussagen wie:
Ihr habt eine Welt, in der ihr euch zu wenig braucht. Ihr könnt alles aus eigener Kraft schaffen. (S. 78). Oder zum Thema Trauer bei Inge:In meiner Fernsehzeitschrift steht, dass man sich an alles gewöhnt, wenn man es einunddreißig Tage lang tut. Völliger Quatsch, Helmut ist seit fünf Jahren tot. (S. 138) Die vereinsamte Inge, der unglücklich verliebte Wojtek und die aufs Leben wütende Zola werden durch ihre gemeinsame Verantwortung für Leo und Pina miteinander verbunden das erzeugt ein warmes, leichtes Gefühl beim Lesen. Gleichzeitig wird die Überforderung pflegender Eltern und die fehlende Unterstützung deutlich, wodurch der Roman auch eine Systemkritik transportiert. Ferner wird eine enorme Kritik gegenüber Werkstätten für beeinträchtige Menschen angebracht - und dies vollkommen zurecht. Ich denke dass Leser:innen, welche bisher keine Berührungspunkte mit diesen Themen gehabt haben, hier die Sichtweise der Autorin annehmen sollen. Besonders eindrucksvoll sind kleine Dialoge, wie dieser zwischen Pina und Inge: Und ich liebe das Gefühl, sagte Pina, wenn draußen ein bisschen Luft geht und sie ist genauso warm wie meine Haut.
Wie fühlt sich das an?, fragte Inge.
-Wie schweben. (S. 159)
Fazit: Pina fällt aus ist ein warmherziges, berührendes Feelgood-Buch, das man förmlich inhaliert. Mit seinen liebenswerten Figuren, den kleinen Alltagsszenen voller Humor und Herz und der leisen, aber spürbaren Spannung ist es ideal für einen kurzen, unterhaltsamen Zeitvertreib. Absolute Leseempfehlung für alle, die eine Geschichte suchen, die leicht zugänglich ist und trotzdem berührt.