Das Dorf Michaelsberg nahe Hermannstadt im rumänischen Siebenbürgen im Sommer 2006: Für die Bestattung ihrer Großmutter Agneta kehrt Sine, eigentlich Friedesine, Seraphin zusammen mit ihrem Vater Johann an den Ort ihrer Kindheit zurück. Mit ihren Eltern war sie nach Deutschland gegangen. In der alten Heimat trifft die 20-Jährige jetzt nicht nur Julian Eminescu, ihren Freund aus Kindheitstagen, wieder, sondern wird auch von Emotionen und Bildern aus der Vergangenheit eingeholt
Halber Stein ist der Debütroman von Iris Wolff, erstmals 2012 erschienen und jüngst als Taschenbuch erneut veröffentlicht.
Eingeleitet mit einem Prolog, setzt sich der Roman aus 15 Kapiteln zusammen. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Sine. Die gegenwärtige Handlung umfasst nur wenige Tage. Allerdings nehmen die Rückblenden in die Vergangenheit viel Raum ein.
Wie in Wolffs späteren Werken geht es in ihrem Debüt insbesondere um die Themen Herkunft, Heimat und deren Verlust, Migration, Familiengeschichte und das Ergründen der eigenen Wurzeln. Auch in ihrem Erstlingsroman spielen Erinnerungen bereits eine wichtige Rolle. Dabei geht die Geschichte in die Tiefe und regt zum Nachdenken an.
Über die Historie der Siebenbürger Sachsen erfährt man auf den etwas mehr als 300 Seiten einiges. Der Autorin gelingt es, ihren Lesern die Region um Hermannstadt nahezubringen. Zwar ist der Roman dabei recht handlungsarm. Dennoch wirkt er keineswegs langatmig.
Das mag auch an Sine und Julian liegen. Zwei Figuren, zu denen ich schnell einen Zugang finden konnte. Die junge Frau, deren Biografie Parallelen mit der der Autorin aufweist, macht einen lebensnahen Eindruck. Ihre Gedanken lassen sich sehr gut nachvollziehen. Insgesamt sind die Protagonisten eine der Stärken des Romans. Die Beziehungen der Charaktere zueinander und zwischenmenschliche Interaktionen werden sehr gut herausgearbeitet. Vor allem deswegen konnte mich die Geschichte immer wieder berühren.
Auch die Natur- und Landschaftsbeschreibungen sind sehr gelungen. Der Text ist atmosphärisch, bildstark und von einer poetischen Note geprägt, allerdings noch nicht so ausgefeilt und kunstvoll wie die Sprache ihrer nachfolgenden Romane.
Der ungewöhnliche Titel, der auf einen Felsen verweist, passt mit seiner symbolischen Bedeutung sehr gut zur Geschichte. Nur das hübsche Covermotiv empfinde ich - wie schon bei Lichtungen - als etwas beliebig.
Mein Fazit:
Bereits mit ihrem Debüt beweist Iris Wolff ihre schriftstellerische Qualität. Halber Stein ist ein tiefgründiger Roman, der mich vor allem auf der emotionalen Ebene erreichen konnte. Lesenswert!