Mit Romanen wie »Die Gierigen« und »Die Zeit der Ruhelosen« hat sich Karine Tuil nicht nur in Frankreich, sondern längst auch im deutschsprachigen Raum den Ruf einer ernstzunehmenden Autorin für politische und gesellschaftliche Themen erarbeitet. Entsprechend groß waren die Erwartungen an ihren neuen Roman »Die Liebeshungrigen«, den ich mit spürbarer Vorfreude erwartet habe und tatsächlich gelingt es Tuil erneut, eine Geschichte vorzulegen, die von gesellschaftlichen Spannungen, politischen Fragestellungen und moralischen Konflikten durchzogen ist. Dabei richtet sie ihren Blick zwar in erster Linie auf ihr Heimatland Frankreich, greift jedoch Themen auf, die weit über nationale Grenzen hinausreichen und viele moderne Gesellschaften gleichermaßen betreffen dürften.
Wie bereits in ihren früheren Werken arbeitet Tuil mit mehreren Figuren, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen und jeweils ihren eigenen Beitrag zu dem komplexen Gesamtbild leisten, das der Roman entwirft. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem die Welt des Films, genauer gesagt die Entstehung eines künstlerisch anspruchsvollen Films, der bewusst in aktuelle feministische Debatten eingreifen und gesellschaftliche Diskussionen anstoßen soll. Doch gerade dieses Vorhaben setzt zahlreiche Spannungen und Konflikte frei: beim ehrgeizigen Regisseur ebenso wie bei den Schauspielerinnen, der Autorin, den Kritikern, der Social-Media-Öffentlichkeit und letztlich auch beim Publikum, das sich zwischen moralischer Empörung, Sensationslust und echtem Interesse bewegt. Parallel dazu erzählt der Roman die Geschichte von Dan Lehman, einem ehemaligen Präsidenten, der zunehmend im Alkohol Zuflucht sucht und sich immer weiter in einen persönlichen Abgrund hineinbegibt.
Im Vergleich zu einigen ihrer vorherigen Romane wirkt »Die Liebeshungrigen« weniger global ausgerichtet, doch das bedeutet keineswegs, dass Karine Tuil auf große gesellschaftliche oder ethische Fragen verzichten würde. Vielmehr konzentriert sie sich diesmal stärker auf die Mechanismen öffentlicher Debatten und auf die Macht kultureller Narrative, insbesondere im Medium Film, das heute wie kaum ein anderes gesellschaftliche Resonanz erzeugen kann. Tuil beschreibt eindrucksvoll, welche Dynamik entsteht, wenn Kunst nicht lediglich der Unterhaltung dienen will, sondern bewusst versucht, in aktuelle Diskurse einzugreifen und unbequeme Wahrheiten sichtbar zu machen oft mit provozierenden und ungeschönten Mitteln.
Erneut ist Karine Tuil damit ein Roman gelungen, der sich durchaus als literarischer Beitrag zu gegenwärtigen Debatten lesen lässt, wobei sie gesellschaftliche Konflikte nicht einfach nur abbildet, sondern durch ihre Figuren und Konstellationen weiterdenkt. Besonders überzeugend ist dabei, dass der Fokus nie ausschließlich auf den behandelten Themen liegt, sondern immer auch auf den Menschen selbst, auf ihren Widersprüchen, Sehnsüchten und persönlichen Interessen. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Mosaik unterschiedlichster Perspektiven und Motivationen.
Wie schon in ihren früheren Büchern bewegt sich Tuil dabei überwiegend innerhalb privilegierter gesellschaftlicher Kreise: Sie schreibt über Politiker, Schriftsteller, Schauspieler und Regisseure und richtet ihren Blick damit weniger auf die breite Gesellschaft als vielmehr auf jene Menschen, die öffentliche Debatten prägen oder zumindest beeinflussen können. Das mag mitunter distanziert wirken, erscheint jedoch keineswegs unpassend, denn gerade in Zeiten sozialer Medien sind es häufig Kulturschaffende und Intellektuelle, von denen man sich differenzierte Beiträge zu gesellschaftlichen Fragen erhofft auch wenn die Realität oft genug zeigt, dass dort ebenfalls Eitelkeit, Egoismus und der Wunsch nach Aufmerksamkeit dominieren. Genau diesem Spannungsverhältnis verleiht Tuil in »Die Liebeshungrigen« eine literarische Form und macht deutlich, wie stark persönliche Bedürfnisse, verletzte Egos und die Sehnsucht nach Liebe selbst politische oder moralische Entscheidungen beeinflussen können.
Als Autorin gesellschaftspolitischer Literatur bleibt Karine Tuil damit weiterhin äußerst bemerkenswert. Zwar zeichnet auch sie ein eher düsteres Bild der modernen Gesellschaft, doch wirkt ihre Perspektive weniger radikal und kompromisslos als etwa die von Virginie Despentes, hinter deren literarischer Wucht Tuil letztlich doch etwas zurückbleibt.