Vielleicht bin ich noch sechs Monate von einer wissenschaftlich gefestigten Routine entfernt, aber viel wertvoller ist die Erkenntnis, dass das Wasser auch an Land wirkt" (S. 46), mit diesem Satz trifft Jaqueline Scheiber genau das, worum es in ihrem Essay geht: nicht um Perfektion, sondern um das, was die Beschäftigung mit etwas Neuem in uns verändert, noch bevor es zur Gewohnheit wird. Schwimmen / Schweben", erschienen im März 2026 beim Leykam Verlag, ist ihr erstes essayistisches Buch nach dem Bestseller-Roman Dreimeterdreißig". Formal ist Schwimmen / Schweben" ein klassischer Icherzähl-Essay mit eingestreuten Recherche-Exkursen, einer umfangreichen Literaturliste am Ende und einer Sprache, die sich immer wieder ins Lyrische hebt.
Meine Meinung
Scheiber nähert sich dem Schwimmen als jemandem, die lange keinen Zugang zu Sport hatte. Nicht aus Faulheit, sondern aus einem Körpergefühl heraus, das von Sozialisierung geformt wurde. Das ist der Ausgangspunkt. Von dort aus öffnet der Essay erstaunlich viele Türen: Körperscham und Fettfeindlichkeit, die politische Dimension von Freibädern, die Familiengeschichte ihrer Mutter als ungarische Leistungsschwimmerin und Migrationsbiografie, das Recht auf Barrierefreiheit, die Romantisierung des Meeres und die schlichte Frage, wem Wasser eigentlich zugänglich ist und warum nicht.
Was der Autorin meiner Meinung nach wahnsinnig gut kann ist das Persönliche mit dem Strukturellen zu verbinden, ohne dabei in Betroffenheitsrhetorik zu verfallen. Wenn sie schreibt, dass sie sich schämt im Hallenbad, weil ihr Körper aus der Reihe tanzt" und dann sofort fragt, woher diese Scham stammt und wessen Normen sie eigentlich bedient, dann ist das feministische Analyse, die sich nicht wie Analyse anfühlt.
Für mich persönlich besonders spannend waren die Passagen über Zugang und Ausschluss: Scheiber stellt die Frage, ob es ein Recht auf Abkühlung gibt, ohne sie rhetorisch zu behandeln. Sie schreibt über Burkini-Debatten als das, was sie sind: rassistische Deutungshoheitsbehauptungen einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Sie erinnert daran, dass das Mittelmeer für manche ein Sehnsuchtsort und für andere ein Überlebenskampf ist. Diese Verschiebungen, vom Persönlichen ins Geopolitische, von der eigenen Bahn im Hallenbad zu den Menschen im Schlauchboot, waren für mich mit die stärksten Momente des Buches.
Manchmal wirkt der Essay dennoch in seinen gesellschaftskritischen Passagen etwas sprunghaft. Die Kritik am neoliberalen Gesundheitsdiskurs ist treffend, aber kurz angerissen und wird nicht wirklich weiterverfolgt. Es entsteht stellenweise das Gefühl, Scheiber öffnet Türen, durch die sie dann nicht ganz hindurchgeht. Das ist vielleicht auch eine Eigenheit des essayistischen Formats, das Weite erlaubt statt Tiefe verlangt. Aber wer eine systematische Analyse erwartet, wird hier eher nicht fündig.
Fazit
Schwimmen / Schweben" ist kein Buch, das man liest und danach weiß, wie man schwimmt, oder wie man ein besseres Leben führt. Es ist ein Buch, das man liest und danach anders durch ein Hallenbad geht. Anders auf Körper schaut. Anders über Zugang nachdenkt. Scheiber gelingt das, was guter Essay-Literatur gelingen soll: Sie macht das Private politisch, ohne dabei die Lesenden zu belehren. Dass die gesellschaftskritischen Fäden nicht immer zu Ende gesponnen werden, ist der einzige Vorbehalt, aber kein Grund, das Buch nicht zu lesen. Herzlichen Dank an den Leykam Verlag für das Rezensionsexemplar.