Die drei neuen Thriller spielen in aus anderen Büchern des Autors bereits bekannten Settings, die ich leider nicht kenne, aber ich habe den vierten, 2021 erschienenen BonusThriller 'Wenn die Stille schreit' bereits gelesen und sehr gut gefunden.
In allen vier Geschichten erlebe ich Menschen im Ausnahmezustand. Da ist Bezirksinspektor Mück, körperlich beeinträchtigt durch eine Knie-OP vor einigen Wochen und nachlassende Sehkraft, obendrein beschert ihm sein Therapeut Minderwertigkeitskomplexe statt ihm zu helfen. Auf zwei Zeitebenen lerne ich Romy und Alma kennen, die eine hat jahrzehntelang eine lieblose Ehe ausgehalten und die andere hofft auf einen großen Erfolg bei ihrem True-Crime-TV-Format. Julia sieht sich mitten in der Nacht mit Fremden konfrontiert, die den Platz ihrer Eltern eingenommen haben. Und Tim findet sein Haus leer vor, obwohl er noch vor einer Viertelstunde von unterwegs aus mit seiner schwangeren Frau Nathalie telefoniert hat.
Erzählt wird aus der Perspektive des jeweiligen Protagonisten und Roman Klementovic vermittelt mir hautnah nicht nur jede Nuance der gefühlten Emotionen, den Kampf mit sich selbst, den verzweifelten und letztendlich vergeblichen Versuch, eine logische Erklärung zu finden, sondern auch die körperlichen Reaktionen der Figuren auf das Schreckliche, dem sie sich gegenüber sehen. Mit den Protagonisten halte ich die Luft an und bekomme eine Gänsehaut. Die Figurennähe, die der Autor erzeugt, ist nicht angenehm, sie ist genau so nervenaufreibend wie die Handlung. Klementovic schreibt bildhaft und eindringlich, seine Charaktere sind glaubhaft und authentisch, jede Geschichte ist intensiv und beklemmend, dazu trägt auch die atmosphärische Darstellung der Schauplätze bei. Und eine Erleichterung setzt auch nach Beenden eines der Thriller nicht ein, jeder beschäftigt mich immer noch. 'Wenn die Stille schreit' ist mein Favorit, aber auch die anderen Kurzthriller haben mir sehr gut gefallen.