Der Roman wird in zwei Zeitschienen erzählt, zum einen der aktuelle Roadtrip mit zwei Urnen in die alte Heimat der Verstorbenen nach Litauen, zum anderen die Familiengeschichte, eine Mischung aus Überliefertem und eigenen Erinnerungen der Erzählerin. Der Schreibstil ist sachlich, man spürt eine gewisse Distanz zu ihren Ahninnen, aber ich konnte mich nach einiger Zeit gut daran gewöhnen. Zu Beginn hätte ich mir gewünscht, dass die Mutter und Großmutter namentlich genannt werden, da es manchmal verwirrend war mit der Mutter und der Mutter der Mutter, usw. Die Lebensstationen der Mutter fand ich sehr interessant, sie hat viele verschiedene Wertesysteme kennengelernt und einiges durchmachen müssen. Es gelingt der Autorin sehr gut, ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen zu schildern, die Probleme für die Eltern nach der Migration, die Sprachbarriere, Armut, aber auch Sprachlosigkeit und Auseinanderdriften der Eltern, der Widerspruch zwischen harter Realität und Kunst, auch die Depression der Mutter sind sehr gut geschildert und nachvollziehbar. Mir haben allerdings mehr Details gefehlt, wann und wie der Kontakt in die litauische Heimat für die Mutter wieder möglich war, da sie sehr in ihrem früheren Leben verankert war. Auch andere Punkte waren Leerstellen, die man hätte füllen können. Das Ende war etwas emotionaler, war aber immer noch distanziert. Gerade aufgrund des sehr persönlichen Themas hatte ich erwartet, dass die Autorin eine persönlichere Position bezieht. Insgesamt ist es ein interessanter Roman mit kleinen Schwächen, der das Thema Exil und Migration nachvollziehbar behandelt.