Wolfgang Schäuble ruft dem Publizisten hinterher: Das war gut! Ich bin nicht mit allem einverstanden, aber das war gut! Der Publizist hatte im Bundestag als Ehrengast eine Rede gehalten und war auf Ablehnung gestoßen. Er, der Verwandte im Iran hat.
Ich bin nicht mit allem einverstanden, was in Sommer 24 steht. Aber es ist richtig gut. Es katapultuiert meinen Debattierwillen in höchste Höhen, ich will reden. Über die Kriege im Iran, in der Ukraine, im Sudan. Über das von ihm mit dem Vormarsch der populären, bild-erzeugenden Kräfte prophezeite Ende der liberalen Demokratie. Über die manchmal verschrobenen konservativen Statements, die er im nächsten Nebensatz selbstkritisch entlarvt. Über das ß, das im Text altmodisch anmutet.
Wenn ein Text vor Relevanz platzen könnte, dann läuft Sommer 24 Gefahr, genau das zu tun. Er birst vor Aktualität und hält den Finger auf die himmelschreienden Widersprüche und Dramen des Zeitgeschehens. Dabei geht es nicht nur um den Schrecken der Kriege und die Demontage der Demokratie.
Dieses Buch ist ein literarischer Spagat. Wie in Ludovico Settembrini und Leo Naphta stehen sich das erzählende Ich, das Kermani sein kann aber nicht muss und sein Antagonist Rudolf gegenüber, der den Freitod wählte und nun auf dem Sterbebett liegt. Der 7. Oktober ist Leitmotiv ebenso wie das Zitat Nichts ist ganzer als ein zerbrochenes Herz.
Im stillen Streitgespräch beginnt die Reflexion über den Sommer 24 und flicht einen Kosmos aus Leid, Demut, menschlicher Reife, dem Kleinen, Eigenen und dem Globalen. Es erinnert an die großen Tagebücher von Kempowski, Rühmkorf oder Klemperer, die weit über die private Dokumentation hinausgehen, und vielmehr Zeugnisse ihrer Zeit sind. Immer politisch, immer persönlich.
Brillant arbeitet der Autor heraus, dass das Politische unausweichlich und immer privat ist, und was das bedeutet, besonders für Menschen, die schon durch ihre Geburt in den politischen Kontext fielen, erkundet er im Sommer 24. Selbstreflexiv, weltanschaulich. Er, der Schriftsteller, der sich nicht vor der Kontroverse scheut.
Ich wünschte, dass jede*r dieses Buch liest. Es gibt kein unpolitisches Leben. Es ist ein Statement.