STUNDEN WIE TAGE
Shelly Kupferberg
ET: 25.03.26
Berlin in den 1940er-Jahren: Die junge Martha bewirbt sich bei den jüdischen Berkowitz-Brüdern als Hausbesorgerin in ihrem Mehrfamilienhaus in Schöneberg. Sie gilt als fleißig, sittsam, sparsam und loyal. Zu ihren Aufgaben gehört es, die Miete einzusammeln, sich um kleinere Reparaturen zu kümmern, das Treppenhaus zu pflegen und darauf zu achten, dass sich die Mieter an die Regeln des Hauses halten.
Schon bald lernt Martha den Postzusteller Willy kennen und verliebt sich in sein ruhiges, gutmütiges Wesen. Gemeinsam leben sie in der kleinen Dienstwohnung des Hauses in Schöneberg. Der Wunsch nach einem eigenen Kind bleibt jedoch unerfüllt.
Umso mehr freut sich Martha über die Besuche von Liane, der adoptierten Tochter von Henry Berkowitz, dem jüngeren der beiden Brüder. Henry bringt das Mädchen häufig zu den Hausbegehungen mit, und zwischen Martha und Liane entsteht schnell eine enge Verbindung. Bald besucht Liane Martha und Willy regelmäßig, und das Mädchen wird zu einem wichtigen Teil ihres Lebens.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zieht sich die Schlinge jedoch immer enger um die Familie Berkowitz. Der ältere Bruder erkennt früh die Gefahr und emigriert nach London. Henry hingegen will die Zeichen der Zeit lange nicht wahrhaben. Seine Frau Katharina, die bereits einmal aus Russland fliehen musste, weigert sich, noch einmal alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben in einem fremden Land zu beginnen. Während Henry vor einer folgenschweren Entscheidung steht, verliebt sich Liane und erkennt viel zu spät, dass sie sich mitten im Umfeld einer Widerstandsgruppe bewegt.
Shelly Kupferberg gelingt es eindrucksvoll, Fiktion und historische Fakten miteinander zu verweben. Auf diese Weise arbeitet sie erneut ein wichtiges Stück Zeitgeschichte literarisch auf. Besonders der ruhige Beginn der Geschichte hat mir sehr gefallen. Zwar entfaltet sich die Handlung zunächst langsam, doch genau dadurch entsteht ein sehr lebendiges Bild des damaligen Alltags. Die vielen alten deutschen Begriffe und Formulierungen verleihen dem Text zusätzlich Authentizität eine sprachliche Atmosphäre, die heute kaum noch zu finden ist und die ich sehr gern gelesen habe. Im weiteren Verlauf nimmt die Geschichte jedoch enorme Fahrt auf, und die zunehmende Bedrohung ist beim Lesen deutlich spürbar. Ich konnte diese beklemmende Atmosphäre sehr gut nachempfinden.
Fazit:
Ein eindringlicher Roman über Menschen und Schicksale, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen und zugleich eine bewegende Geschichte über Mut und Widerstand in dunklen Zeiten. Eine klare Leseempfehlung.
5/5