Kokain entfaltet in einer fiebrig verdichteten Prosa den inneren Absturz eines Großstadtmenschen, dessen Rauschsuche Erkenntnis, Selbstzerstörung und metaphysische Unruhe zugleich bedeutet. Rheiner verbindet expressionistische Bildsprengung, nervöse Syntax und halluzinatorische Wahrnehmung mit Motiven der Décadence und der frühen Moderne. Das Buch ist weniger Milieustudie als Seismogramm einer Epoche, in der Ich-Zerfall, urbane Beschleunigung und Drogenrausch zu literarischen Formen existenzieller Krise werden. Walter Rheiner, 1895 in Köln geboren und 1925 in Berlin gestorben, gehörte zum Umkreis des deutschen Expressionismus und kannte die Abgründe, die er beschreibt, aus schmerzlicher Nähe. Sein Leben war geprägt von Bohème, Krankheit, Morphium- und Kokainabhängigkeit, unsteter Publikationstätigkeit und sozialer Randständigkeit. Gerade diese biographische Erfahrung verleiht Kokain seine beklemmende Authentizität: Rheiner schreibt nicht sensationell über Sucht, sondern aus dem Bewusstsein eines Körpers und Geistes, die vom Rausch zugleich verführt und vernichtet werden. Empfohlen sei dieses schmale, intensive Werk allen Leserinnen und Lesern, die expressionistische Literatur nicht als bloße Stilübung, sondern als radikale Diagnose moderner Erfahrung verstehen möchten. Kokain erschüttert durch sprachliche Kühnheit und psychologische Präzision; es eröffnet einen Zugang zu einem Autor, dessen Rang lange unterschätzt wurde, und bleibt ein eindringliches Dokument literarischer Selbstbefragung.