In einer dystopischen Welt, wo der Moebius-Konzern die Stadt beherrscht, lebt Hagen, der sich für die Vergangenheit interessiert. Doch nach einem Schicksalsschlag gerät er in den Fokus der gedankenlesenden Wachen und es beginnt ein Wettlauf, wer den Root Chip, der die Welt verändern kann, zuerst findet.
Konnte in einer Welt, die Tag für Tag selbstsüchtiger wurde, eine Seele voller Empathie und Selbstlosigkeit überhaupt überleben? In einer Welt, in der Konsum das Mitgefühl verdrängt und Gier zur Tugend erhoben wird?
Wer eine komplexe Dystopie sucht, die Thriller- und Science-Fiction-Elemente beinhaltet, ist hier genau richtig. Ich freue mich schon auf die folgenden Bücher der Reihe, egal wie lange ich darauf warten muss. Schon der Schreibstil hat mich in den Bann gezogen, denn er liest sich leicht und man kommt gut mit der Geschichte aus der Sicht verschiedener Personen mit. Auch das Cover passt zum Buch, wodurch das Buch eine solide gute Leistung ist und besonders mit dem Worldbuilding und der Grundidee überzeugt. Denn die Welt baut sich nach und nach auf und wer nicht mit ganzem Kopf und Verstand dabei ist, verliert schnell den Überblick, da wir ein komplexes dystopisches Setting in der Nähe Berlins haben. Hinzu kommt der Wechsel zwischen den Personen und die Brutalität mancher Szenen und schon sitzen wir vor einem versteckten Glanzstück in einer fast verstaubten Leserichtung.
Das Buch fängt langsam an und man lernt erst die neue Welt mit all den Regeln kennen. Es kann zwar kompliziert werden, aber da sich der Anfang streckt und erst nach einigen Kapiteln der Kampf gegen das System und die Suche nach dem Root Chip beginnen, kommt man gut in die Geschichte rein. Das Grid, also die Welt von Hagen, lebt von Virtual Reality bzw. der Hyperrealität, da jeder Mensch einen Chip besitzt und so Sachen sehen kann, die in der realen Welt nichts als weiße Wände sind. Damit haben wir den Sci-Fi-Aspekt logisch und interessant integriert und wer mehr von der Welt erfahren will und wie schockierend, weltennah sie aufgebaut ist, muss mit dem Buch anfangen. Sobald das beeindruckende World Building steht, steigt die Spannung und ein Rennen gegen die Zeit beginnt, in der die Wahrheit aufgedeckt wird.
Hagen rennt vor dem Konzern weg und trifft auf seiner Flucht Freunde, Verbündete und Feinde. Zusammen mit dem Trio um Ash, Dru und Big und später auch die Polizistin Elara wird es nie langweilig und wenn eine Action-Szene vorüber ist, kommt es direkt zur nächsten fesselnden Situation. Die Informationen, die wir auf dem Weg auflesen, machen einen Sinn und auch als Leser fiebert man mit. Außerdem kann es durchaus brutal werden und verschiedene Plottwists sorgen dafür, dass man die Story nicht vorhersehen kann. So ist auch das Ende wunderbar gelungen, wodurch ich die letzten Kapitel praktisch verinnerlicht habe. Einen klitzekleinen Aspekt hätte ich gerne anders gehabt, aber auch so ist die Grundlage für den zweiten Band nahezu perfekt.
Wenn die Handlung und das Drumherum überzeugen, müssen es auch die Charaktere und auch das hat der Autor hinbekommen, langsam bin ich nicht mehr überrascht. Jeder Protagonist hat seine eigene Geschichte bekommen, sodass wir einzigartige und vielschichtige Personen haben, die uns durch das Buch begleiten. Hagen ist als die Hauptperson am Ausdrucksstärksten und hier mochte ich insbesondere seine Charakterentwicklung von einem ängstlichen Mitläufer zu einem Rebellen, der für sich und seine Freunde kämpft. Er durchlebt die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele, aber auch das Hoch des Sieges, sodass man sich als Normalsterblicher gut mit ihm identifizieren kann.
Ash, Dru und Big sind Hagens größte Stütze und die Geheimnisse ihrer Vergangenheit sind genauso spannend wie ihre Kämpfe für Gerechtigkeit. Hinter Ash könnte jeder stecken, Dru kann mit seiner Intelligenz alles manipulieren und Big ist der stärkste Kämpfer der Truppe. Durch die Technologie werden die Kämpfe und die kleinen Intrigen abwechslungsreicher und irgendwann gehören sie genauso in den Mittelpunkt wie Hagen. Auch Elara, die eine beinahe so gute Entwicklung hingelegt hat wie Hagen, wird zu einer wichtigen Person. Eine Liebesgeschichte findet man hier vergeblich, was ich sehr gut finde, denn nicht in jedem Buch hat die Liebe Platz. Ein kleiner Spoiler, denn am Ende wird zugegebenermaßen ein wenig in diese Richtung hingedeutet, was unnötig war und man entweder ignorieren und süß finden kann.
Die mysteriöseste Person mit einer tragischen Vergangenheit ist Libby, deren Geschichte zeitversetzt zum eigentlichen Geschehen beginnt und erst zum Schluss zur Hauptstory aufholt. Das hat den gewissen Kick gegeben, denn neue Abgründe im System tun sich auf, wodurch das ganze Buch irgendwie abgerundet ist. Auch ist Libby eine unberechenbare Variable, die den Plot ins Rollen bringt, wenn es mal nicht weitergeht. Hier sind die Intrigen, die seit Jahren gesponnen werden, hervorzuheben und man merkt einmal mehr, wie viele Gedanken sich der Autor gemacht hat.
Zum Schluss möchte ich noch die zentralen Themen des Buches erwähnen, die hier kritisiert werden und wirklich zeitgemäß sind. Schließlich werden hintergründig gesellschaftliche Fragen gestellt und wer das Buch beendet hat merkt, wie erschreckend ähnlich die Geschichte der Realität ist. Denn die Konzernherrschaft, die tägliche Überwachung durch das Volk oder den Konzern und die absolute Kontrolle der Masse durch abhängig machende Substanzen sind Themen, über die man tagelang diskutieren kann. Hinzu kommt die Frage, was echt ist und was durch die Hyperrealität manipuliert wird, was sich hinter der technischen Fassade wirklich zuträgt und ob die Menschen wirklich frei und sicher sind. Als Leser hinterfragt man das Geschehen und wie hirnlos Personen sind, dass sie für Klicks und Drogen andere Menschen umbringen. Und anschließend wird der Bogen zur Realität gezogen, was dazu führt, dass das Buch noch eine Weile im Gedächtnis bleibt.
Insgesamt ist dieser Auftakt einer dystopischen Sci-Fi-Serie auf allen Ebenen gelungen und man kann sich nur allzu leicht in der finsteren Welt verlieren!