Die Fokussierung auf die Zwischenräume, auf das dazwischen-Liegende, mikrokosmisch und makrokosmisch, eröffnet eine völlig neue Sicht auf die Dinge, auf das Leben, die Welt, Natur, Kultur. Zwischenräume sind da, ohne eigentlich etwas zu sein; sie befinden sich zwischen eindeutig Definierbarem, Lokalisierbarem, Greifbarem, Sichtbarem, Messbarem; sie selber sind leer, leere Räume, weiter nichts. Weiter nichts... Zwischenräume sind vage, sie bergen Unbekanntes, Nebelig-Rätselhaftes, Dunkles: der Titel des Buches Sirenen und Parasiten steht metapherartig für die Abgründe, für die dunklen, faszinierend-erschreckenden Dimensionen der Wirklichkeit, von den Sirenen des Odysseus bis hin zur menschlichen Missgeburt eines Sirenen-Fischschwanzwesens 1953 in der DDR. Dotzler und Schmidgen sehen die Zwischenräume als Schnittstellen, Intervalle, Freiräume, Wirkräume, in denen sich elementare Prozesse in der Wissensproduktion ereignen. Objekte werden dabei zu gleichwertigen Handlungsträgern, was an die Aktanten in der Aktor-Netzwerk-Theorie erinnert; d.h. Objekte und subjektives menschliches Bewusstsein und die Objekte selber fungieren nicht mehr als isolierte, getrennt voneinander bestehende Entitäten, sondern bilden ein aufeinander bezogenes, wechselseitig sich bewirkendes System. Zwischen allen Beteiligten vollzieht sich eine Fülle von Ereignissen, Verbindungen, Einwirkungen, Abfärbungen, Ansteckungen: materialer, psychischer und geistiger Art. Zwischenräume werden zu einem besonderen, vermittelnden Zugang zur Wirklichkeit. In Anlehnung an Bergson und Deleuze beschreibt H. Schmidgen die Zwischenräume auch als zeitliche Abstände und ihre physiologische Funktion, die sie für den gesamten Organismus haben. In den psychophysiologischen Reaktionsexperimenten von H. v. Helmholtz, A. Hirsch und Fr. C. Donders gegen Ende des 19. Jahrhunderts, wird die Zeitspanne bei Tier und Mensch gemessen, die es braucht, bis ein Signal oder Reiz umgewandelt wird in Reaktion oder Aktion, physiologisch oder sprachlich. Das Gehirn stellt sich dabei als eine Zone der Indeterminiertheit dar, eine Art Leerstelle zwischen Reiz und Reaktion; die zeitliche Lücke wird zur physiologischen Zeit. Die Experimente zielen weniger auf die anatomische Verfolgung des Weges, den der Reiz durch den Körper nimmt, sondern vornehmlich auf das autonom verstandene Territorium des Psychischen, das überhaupt erst entsteht, weil diese Bewegung stattfindet... Ja, Zwischenräume haben es in sich... (M.R., Berlin)