Stewart O'Nans Erstling zeichnet schon alles aus, was viele seiner späteren Romane so lesenswert machen. Sein Feld ist die Kleinstadt, eine Handvoll Leute, die er in ihrem Umfeld, in ihrem Alltag zeigt. Er vermittelt den Eindruck, als würde er die Stadt, deren Bewohner seit langem kennen. Sie ihm ihr Leben anvertrauen. Die Perspektivlosigkeit vieler seiner Figuren, die oft selbstverschuldet erscheint, manchmal sich einer äußeren Kraft wie der Schließung eines Diners in Die Letzte Nacht gegenübersieht, zeichnet menschliche Schicksale nach, die sich Luft verschaffen müssen. Egal ob ihr Leben beschaulich aussieht, sie sich am Rande eines Nervenzusammenbruchs bewegen, sie alle stehen unter Hochdruck. Längst ist ihnen bewußt, dass das nicht das Leben ist, das sie eigentlich haben führen wollen. Die ermordeten Annie Marchand entschied sich blind fast immer für die falsche Lösung. Sei es auf der Suche nach dem kurzen Glück, sei es aus Rache. Dass sich das Schicksal irgendwann gegen einen selber wendet, ist grausam, aber erscheint folgerichtig bei ONan. Er ist selbst dann noch auf der Suche nach Verständnis bei seinen Helden, wo andere sie längst ablehnen. Dem Autor ist mit Engel im Schnee ein Roman gelungen, dessen rücksichtsloses Scheitern schwer zu ertragen ist, dem aber eines gelingt, er zeigt Menschen wie Annie Marchand im verzweifelten Kampf wenigstens für sich und nur für sich das Gesicht zu wahren. Sei es in Mitten von Lügen, von Betrug, von Gewalt. Dass der Autor dabei einen fünfzehnjährigen Jungen als außenstehenden Beobachter einsetzt, läßt ein Gefühl von Ohnmacht aufkommen, zumal der Junge in seinem eigenen Leben demselben Chaos unter anderen Vorzeichen ausgesetzt ist. Stewart O'Nan ist ein Meister des groben wie des feinen Strichs. Und Gewalt ist bei ihm Gewalt und kommt nicht ohne Schmerz aus. Dass O'Nan seine Leser all das erfahren läßt, ist seine große Kunst.