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Hoffnung für Dan

Aus dem Alltag mit einem behinderten Kind.
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Produktdetails

Titel: Hoffnung für Dan
Autor/en: Klaus Möckel

EAN: 9783863941628
Format:  EPUB
Aus dem Alltag mit einem behinderten Kind.
Familiy Sharing: Ja
EDITION digital

27. Oktober 2011 - epub eBook - 340 Seiten

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HOFFNUNG FÜR DAN ist die bewegende Geschichte eines geistig behinderten Jungen, der weder hören noch sprechen kann und dem wegen seiner Schädigung auch die Gebärdensprache versagt bleibt. Innerlich isoliert, rebelliert er gegen alles, was ihm unverständlich erscheint.
Die Eltern, die seine und ihre Situation erst allmählich begreifen, versuchen mit Geduld und Liebe, diese Schallmauer zu durchbrechen. Aus der Sicht der Mutter werden die oft verzweifelten Versuche geschildert, mit Bildern und Gesten eine Verständigung zu erreichen, dem ungebärdigen, hilflosen Kind und damit sich selbst eine Perspektive zu geben. Das Verhalten einer mitunter wenig verständnisvollen Umwelt verschärft die Lage noch.
HOFFNUNG FÜR DAN war eines der ersten Bücher, die sich in der DDR mit der Problematik solcher Menschen und ihrer Familien auseinandersetzten. Es wurde als ein Aufschrei empfunden, fand große Beachtung und führte über den Kreis der Betroffenen hinaus zu heftigen Diskussionen. Bis 1989 in fünf Auflagen erschienen, wurde es nach der Wende nochmals von einem bekannten Münchner Verlag als Taschenbuch publiziert, ist inzwischen aber längst vergriffen. Von seiner aufrüttelnden Wirkung, seiner Wahrhaftigkeit und Dramatik hat es bis heute nichts eingebüßt.
Klaus Möckel, der am 4. August 1934 im sächsischen Kirchberg geboren wurde, erlernte zunächst den Beruf eines Werkzeugschlossers, studierte später in Leipzig Romanistik und arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Jena. Danach war er als Lektor für romanische Literatur in Berlin tätig. Beim Verlag Volk und Welt machte er sich bald einen Namen als Herausgeber, Übersetzer und Nachdichter vor allem moderner französischer Dichter. Seine 1963 veröffentlichte Dissertation hatte Möckel über den Autor des Kleinen Prinzen geschrieben: "Die Rolle der bürgerlichen Gesellschaft bei der Herausbildung von Antoine de Saint-Exupérys Weltanschauung". Seit 1969 arbeitet der Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer als freier Autor. Seither veröffentlichte er fast 50 Bücher: Spannende Krimis, anspruchsvolle Science-Fiction-Bücher, sehr gut recherchierte historische Romane, einfühlsame Lebensberichte und wunderschöne Kinderbücher, darunter Erfolgstitel wie "Hoffnung für Dan" und "Die Gespielinnen des Königs" sowie die literarischen Vorlagen für die Polizeiruf-110-Folgen "Drei Flaschen Tokaier" und "Variante Tramper". Hinzu kommen 14 Herausgaben und 19 Übersetzungen aus dem Französischen, Spanischen und Russischen. Möckel arbeitete häufig, vor allem bei Übersetzungen, mit seiner Frau Aljonna Möckel zusammen und verfasste gemeinsam mit ihr unter dem Pseudonym Nikolai Bachnow mehrere Fortsetzungsbände zu den Märchenromanen Alexander Wolkows wie "Die unsichtbaren Fürsten" und "Der Hexer aus dem Kupferwald".
Hochsommer, Wolfram war wegen des Ferienbetriebes und des damit verbundenen Personalmangels in der Buchhandlung mächtig eingespannt, aber abends, als Dan versorgt war, machten wir uns in die Bar um die Ecke auf. Ich hatte der Nachbarin unseren Schlüssel gegeben, damit sie zwischendurch nach Dan schaute, allzu lange wollten wir nicht bleiben. Wolf war in spendabler Stimmung: Als mir der Wein nicht zusagte, den er bestellt hatte, ließen wir die zu drei Vierteln gefüllte Flasche stehen und tranken nur noch Sekt mit Ananas. Außerdem gab's Muschelpastete, ein stinkteures Gericht, das ich seither nirgends mehr gesehen, geschweige denn gegessen habe, Ragout fin, Eis, französischen Kognak und Mokka double - wir waren so richtig unvernünftig. Ich hatte ein blaues Azetatseidenkleid mit Puffärmeln an und um den Hals eine knallige gelbe Bernsteinkette, das Wertvollste, was ich an Schmuck damals besaß. Wolf trug helle Hosen mit Schlag und ein quergestreiftes Hemd, er sah aus wie ein Seemann. Wir tanzten und waren albern, und ich ahmte den Schlagzeuger nach, der sein Instrument betont exaltiert bediente. Trotz unserer Ausgelassenheit aber dachten wir an unseren Sohn und die Nachbarin und brachen auf, als es am schönsten wurde, gegen Mitternacht. Wie um uns zu entschädigen, schlief Dan in dieser Nacht ruhig und relativ lange. Wenige Wochen danach missglückte unser Ostseeurlaub, und als einige Monate vergangen waren, erfuhren wir zum ersten Mal von Dans Hörschaden. Unmöglich, die Zahl der Konsultationen bei Ohrenärzten und Neurologen zu nennen, der Aussprachen, die wir in Kliniken und Krankenhäusern hatten. Dans Schlafschwierigkeiten wuchsen, er nervte uns mit seinem Starrsinn, seiner Widerborstigkeit und einem ständigen monotonen Gequietsche. An eine Rückkehr in die Schule war nicht mehr zu denken, die geplante Dissertation gab ich sehr bald auf... Dieses unaufhörliche Quietschen - es waren die Wassertropfen auf den Kopf, von denen ich sprach. Ein steter I-i-Ton, von morgens bis a
bends, er bildete sich über Jahre heraus, entwickelte sich aus dem Piepsen der ersten Monate, wurde stärker und stärker. I-i ... , i-i ... , i-i ... , i-ih ... Wenn ich den Kopf in die Höhe nehme und in mich hineinlausche, höre ich's, kein Ohropax hilft, kein Schal um die Ohren, ich krieche unter die Bettdecke, vergebens, selbst dort diese feinen, piksenden Nadelstiche. Mit zwei, drei Jahren hatte Dan seine schlimmste Quietschphase. Ich nehme einen beliebigen Tag heraus, einen, an dem unser Junge bis fünf oder sechs Uhr morgens geschlafen hat; noch ist es dunkel, da weckt uns sein I-i ... , I-i ... Wolf zieht sich die Decke über den Kopf, sein Arbeitstag beginnt etwas später, ich versuch mich gleichfalls vor diesem Geräusch zu verstecken, aber nicht lange, dann spring ich aus dem Bett. Schnell in die Küche, irgendwas holen, worauf er herumknautschen kann, morgens ist er noch ausgeruht und am ehesten abzulenken. Der Nuckel - auch wir waren zeitweise so vermessen, auf ihn verzichten zu wollen, wir besannen uns bald anders -, ein Keks, etwas Zucker. Manchmal hilft' s für eine halbe Stunde, manchmal nicht. Wie auch immer, wir zwingen uns, bis halb sieben durchzuhalten. Das verlangt die Erziehung, um sieben gibt's Frühstück und nicht eher, gerade gehörlose Kinder soll man an feste Zeiten gewöhnen. Trotzdem, wenn ich aufstehe, ist der Tag schon lange losgegangen. Er hat im Grunde gar nicht aufgehört, noch vom Abend vorher habe ich Dans Quietschen im Ohr. Doch was mich mehr schafft - ich weiß, dass ich's erneut bis zum Abend ertragen muss. Waschen, Zähne putzen, Kämmen, den Morgenrock anziehn. In der Küche, die durch den Gang und zwei Türen von Dans Zimmer abgetrennt ist - wir sind inzwischen umgezogen -, drehe ich laut das Radio auf, klappre mit dem Geschirr, um den bohrenden I-i-Ton zu verdrängen. Hierher dringt er nur leise, das Besetztzeichen eines Telefons aus weiter Ferne, aber ich bin innerlich so auf ihn eingestellt, dass mich selbst dicke Gummiwände nicht schützen
könnten. Nur wenn Dan abschaltet, vermag auch ich abzuschalten. Das Frühstück nehmen wir getrennt ein. Dan, der uns mit seiner Zappligkeit die Ruhe raubt und für jeden Bissen endlos lange braucht, kommt zuerst dran. Dann, er ist wieder in seinem Zimmer, essen wir eine Kleinigkeit, ich am wenigsten, denn ich muss ja nicht zur 'Arbeit'. Die eigentliche Tortur beginnt, wenn Wolf weg ist, wie beneide ich ihn, dass er einfach so aus dem Haus gehen kann. Es ist die Zeit, da ich mich bereits als Übersetzerin versuche, wenigstens drei vier Seiten in der Woche will ich schaffen. Doch woher soll ich die Konzentration nehmen. Ich setze mich im Wohnzimmer an den Tisch, Dan ist nebenan mit irgendwelchem Spielzeug beschäftigt, das er freilich nur herumwirft, und schon stimmt er seinen Gesang an. Eine halbe Seite, denke ich, morgens bin ich noch am frischesten, einem verschollenen Raumschiff muss ich auf die Spur kommen, der Verlag hat mir eine fantastische Erzählung anvertraut. Also: 'Petrow sah den Bordingenieur vielsagend an und schaltete das Funkgerät auf Empfang ...' I-i ..., i-i ..., nein, das ist nicht das Funkgerät, das ist mein Sohn, kann er denn nicht eine Minute damit aufhören. Ich springe hoch, renne rüber, reiße die Tür auf. Er hört mich nicht kommen; er sitzt mit dem Rücken zu mir, schaut auf die Wand, wo ein Sonnenkringel tanzt, und gibt seine monotonen Laute von sich. Ich bin entwaffnet, doch damit ist mir nicht geholfen. Um etwas zu tun, tippe ich ihn an, deute auf seinen Mund: Er soll ihn schließen, still sein. Er sieht mich verständnislos an (das heißt, manchmal glaube ich, dass er durchaus begreift, mich aber absichtlich herausfordern will, und dann könnte ich mit Fäusten auf ihn losgehn), er verstummt für den Augenblick. Ich kehre an meinen Arbeitsplatz zurück, greife zum Buch: 'Die beiden Männer, in ihren Sesseln nach vorn gebeugt, lauschten angespannt. Ihr Ruf war nach draußen gedrungen in den unendlichen Kosmos - würde eine Antwort erfolgen?' Die Antwort e
rfolgt nicht, jedenfalls im Moment nicht, mein Sohn quietscht erneut los. Wie, zum Donnerwetter, soll ich da einen klaren Gedanken fassen. Wenigstens zehn Minuten müsste man haben, um reinzukommen ... Einen geriebenen Apfel, ja, das ist es, er soll sowieso viele Vitamine erhalten. Ich sause also wieder in die Küche, reibe den Apfel, serviere ihn auf einem Plasttellerchen. Dan ist erfreut, er strahlt mich dankbar an, aber er möchte, dass ich ihm den Löffel in den Mund schiebe. Was hab ich davon, er soll den Obstbrei selbst vertilgen, er kann das. Ich lasse Dan mit dem Teller sitzen, kehre zu Petrow zurück, der nun, nach langem vergeblichem Warten auf Antwort, den Kurs in Richtung eines fürchterlichen schwarzen Lochs ändert, eines komprimierten Sterns, der alle Körper mit gewaltiger Anziehungskraft in sich einsaugt. 'Sie flogen mit Lichtgeschwindigkeit in der unermesslichen Weite und Einsamkeit des Alls dahin.' Ja, jetzt hab ich' s, langsam beginne auch ich dahinzuschweben. Allerdings nicht mit Lichtgeschwindigkeit und nur solange nebenan der geriebene Apfel reicht. I-i ..., i-i ..., i-i ... Ich halte mir die Ohren zu, wäre ich doch fern von dieser Wohnung in der Einsamkeit des unermesslichen Alls. Aber ich bin hier bei Dan, niemand stellt mir ein Raumschiff zur Verfügung, und wenn, würde man mir mein Kind zwecks Betreuung und mütterlicher Pflege mit auf die Reise geben. Und ich müsste es samt Gitterbett in der Schlafkabine unterbringen. Gefangen bin ich, gefesselt, durch die Normen menschlichen Zusammenhockens.

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