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Nichtstun

Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen.
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Produktdetails

Titel: Nichtstun
Autor/en: Billy Ehn, Orvar Löfgren

EAN: 9783868545630
Format:  EPUB
Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen.
Übersetzt von Michael Adrian
Hamburger Edition HIS

18. Oktober 2012 - epub eBook - 300 Seiten

"Nichtstun ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt." Oscar Wilde Was passiert, wenn allem Anschein nach gar nichts passiert? Wenn Menschen sich von der Aussicht, "nichts zu tun", angezogen oder abgestoßen fühlen, wenn sie geduldig oder wütend warten, wenn sie alltägliche Routinen gedankenverloren erledigen und in mehr oder weniger abstrusen Tagträumen der Realität entfliehen? Billy Ehn und Orvar Löfgren gehen in ihrer kreativen und aufschlussreichen Untersuchung der Frage nach, wie sich die Formen des Nichtstuns und die gesellschaftliche Haltung dazu in verschiedenen kulturellen Kontexten entwickeln und verändern, wie individuelle Gewohnheiten, Gedanken und Gefühle kulturell geformt werden. Sie geleiten uns auf eine Reise in die Welt der Übergangszonen, Zwischenzeiten und Pausen, die voller vertrauter und überraschender Details steckt.
Inhalt
Einleitung

Kapitel 1 Warten
Schauplätze des Wartens
Zähflüssige, verschwendete oder tote Zeit?
Vom Erlernen der Geduld - und der Ungeduld
Kulturen des Schlangestehens
Gefühlsklimata
Machtspiele
Paradoxien des Wartens

Kapitel 2 Routinen
Jonglieren wie ein Uhrwerk
Morgendliche Gewohnheiten und rituelle Speere
Kleine Routinen, große Konflikte
Multitasking
Krisen und Kontrolle
Die Macht der Gewohnheit

Kapitel 3 Tagträumen
Träumer in Aktion
Rühriger Leib, ausschweifender Geist
Einengung und Ausbruch
Abenddämmerung und Morgengrauen
Der Stoff, aus dem die Träume sind
Die Politik des Tagträumens
Ein Joker

Kapitel 4 In den Hinterhöfen der Moderne
Gemeinsame Verständnisse
Emotionalität und Macht
Wie sich Schichtzugehörigkeit herstellt
Subversivität
Eine Brücke zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten

Postskriptum Wie betreibt man eine Ethnografie von "Nichtereignissen"?

Danksagung
Bibliografie

Kapitel 1


Warten


Anfang der 1980er Jahre waren der schwedische Diplomat Jan Eliasson und Ministerpräsident Olof Palme zu einem Treffen mit Saddam Hussein in einem seiner Bagdader Paläste verabredet. Sie mussten einige Tage in ihrem Hotel warten, bis sie eines späten Abends mit einer schwarzen Limousine abgeholt wurden. Man fuhr sie ungefähr eine Stunde lang kreuz und quer durch die Stadt, damit sie die Orientierung verlören.

Als Nächstes mussten sie eine Sicherheitskontrolle passieren, um anschließend in ein mit Gold und Eichentäfelung ausgeschmücktes Wartezimmer geführt zu werden. Nachdem sie geraume Zeit in dieser luxuriösen Umgebung ausgeharrt hatten, wurden sie in ein weiteres Wartezimmer begleitet und dort von einem Stabschef begrüßt. Zehn Minuten später flog eine Tür auf, man führte sie in einen dritten Raum, und da stand er: Saddam. Mit steif ausgestreckter Hand begrüßte der Diktator, dessen Stab sich hinter seinem Rücken drängte, die beiden Schweden.

Das ganze Prozedere war eine Beleidigung und eine etwas lächerliche noch dazu, erinnert sich Eliasson und weist darauf hin, dass Saddam zu einem uralten Trick gegriffen hatte, um seine Gegenspieler herabzusetzen und seine eigene Bedeutung zu erhöhen.1

Ein flüchtiges Drama en miniature

Unser Interesse am Warten als einer Form des Nichtstuns entzündete sich an weniger dramatischen Situationen – wie zum Beispiel der banalen Szene im Supermarkt, die wir in der Einleitung beschrieben haben. Ursprünglich suchten wir nach Beispielen für unscheinbare Nichtereignisse, indem wir wenig glanzvolle Beschäftigungen wie die, auf den Bus zu warten oder irgendwo anzustehen, in den Blick nahmen.

Bal
d jedoch stellten wir fest, dass »Warten« ein breites Spektrum an Verhaltensweisen und Gefühlsreaktionen umfasst. Flüchtlinge warten voller Angst darauf, dass man ihnen Asyl gewährt. Strafgefangene zählen die Tage bis zu ihrer Entlassung. Gelangweilte Arbeiter und Schulkinder schauen gegen Ende des Tages alle fünf Minuten auf die Uhr. Wieder andere Varianten sind das Warten auf einen Installateur, der einfach nicht kommen will, oder das Warten auf einen Geliebten, der sich verspätet.

Welche Form von »Nichtstun« ist es, die wir als Warten bezeichnen? Was steckt hinter dieser bedeutungslosen und scheinbar inaktiven Betätigung, bei der man »nur zu warten« braucht, wie Estragon es in Samuel Becketts Stück »Warten auf Godot« von 1952 formuliert?2 Um diesen Fragen nachzugehen, setzten wir bei der konkreten Infrastruktur des Wartens an, den Orten, an denen wir diese Beschäftigung beobachteten. Von hier aus gingen wir dazu über, die Natur der Wartezeit zu betrachten. Wie erleben Menschen diese Art von Zeit in verschiedenen Situationen, wie gehen sie mit ihr um? Im nächsten Schritt galt unsere Aufmerksamkeit der Frage, wie Menschen in verschiedenen kulturellen Kontexten zu warten lernen. Wir untersuchten eine der institutionalisiertesten Formen des Wartens – das Sichanstellen beziehungsweise Schlangestehen, ein Verhalten, das von Regeln, Normen, Ritualen und Gefühlen durchzogen ist. Dieses Thema führte uns tiefer in die Gefühlsdimension des Wartens hinein, und es warf die Frage auf, wie Warten und Macht zusammenhängen. Wer wartet auf wen, wer ist in der Lage, andere warten lassen, und welchen Unterschied machen Geschlecht und Schichtzugehörigkeit?

Wir verstehen das Warten als eine kulturelle Praxis, die von veränderlichen geschichtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen geprägt ist. Zu
gleich ist sie etwas, womit Menschen umzugehen lernen, eine Fertigkeit, die geübt und perfektioniert werden will. Unsere Beispiele stammen aus verschiedenen Situationen und Weltgegenden, aus Krankenhäusern, von Straßenecken, aus Reiseerlebnissen und den letzten Wochen einer Schwangerschaft.

Wartezeiten können kurz sein – so kurz wie die Dauer einer Fahrstuhlfahrt mit Unbekannten zum Beispiel –, sie können sich aber auch endlos anfühlen oder ein ganzes Leben ausfüllen. Für manche Menschen scheint Warten eine Vollzeitbeschäftigung zu sein, die ihre ganze Energie verbraucht und ihr ganzes Sein in Anspruch nimmt. Dies gilt zweifellos für den chinesischen Arzt Lin Kong, der Mitte der 1960er Jahre in einer Stadt irgendwo in China in einem Militärhospital arbeitete. Seine ungeliebte Frau, eine Bauersfrau, die seine Eltern für ihn ausgesucht hatten, hatte er im Dorf zurückgelassen, wo sie sich um ihre kleine Tochter und seine alten Eltern kümmern sollte. In der Stadt verliebte sich Lin Kong in Manna Wu, eine im selben Krankenhaus tätige Krankenschwester. Von da an sollte Lin siebzehn Jahre lang jeden Sommer in sein Dorf zurückkehren, um seine Frau um die Scheidung zu bitten. Da die Krankenhausverwaltung die Liaison zwischen den beiden nicht guthieß, verzichteten Lin Kong und Manna Wu auf ein sexuelles Verhältnis – Tag für Tag, Jahr für Jahr. Achtzehn Jahre vergingen, bis Lin Kong 1984 gestattet wurde, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und Manna Wu zu heiraten.

Ha Jin erzählt diese Geschichte einer extremen Geduld in seinem Roman »Warten« aus dem Jahr 1999. Der Leser fragt sich unwillkürlich, wie es sich wohl anfühlen mag, fast zwanzig Jahre lang auf eine geliebte Person zu warten und die Geliebte in dieser Zeit täglich zu sehen und zu sprechen. In Lin Kongs Fall wird das Warten z
u einer Lebensform. Wir werden noch auf Lin und Manna zurückkommen, eröffnet der Roman doch interessante Perspektiven.

Als wir profanere Situationen des Wartens betrachteten, waren wir verblüfft darüber, dass sich deren Gestalt, Ausrichtung und Bedeutung permanent veränderten. Wie sollte man eine so facettenreiche und schwer fassbare Tätigkeit untersuchen? Zunächst stellten wir enthusiastisch ethnografische Beobachtungen in Bahnhöfen, Wartezimmern von Ärzten und Warteschlangen an Ticketschaltern an. Nicht selten kehrten wir mit Fotos und Beschreibungen von auf den ersten Blick trivialen Nichtereignissen zurück, über die wir oft stundenlang grübelten, um unter ihre Oberfläche zu blicken.

Um 12.25 Uhr trifft eine Frau mittleren Alters in einem blauen Kleid am Busbahnhof einer schwedischen Stadt ein. Sie schaut sich im Wartesaal um, bis schließlich ihr Blick für einige Sekunden an dem großen elektronischen Fahrplan hoch oben an der Wand hängen bleibt. Dann schreitet sie resolut zu einem der Ausgänge und setzt sich auf eine leere Bank neben der Tür. Sie macht einen zögerlichen und leicht nervösen Eindruck. Immer wieder greift sie sich ins Haar, wie um zu überprüfen, ob mit ihrer Frisur alles in Ordnung ist.

Nach einer Weile holt die Frau ein Handy und eine Zeitschrift aus ihrer Tasche und hält beides auf ihrem Schoß fest. Sie sucht in ihrem Portemonnaie nach dem Busticket und findet es. Dann stützt sie ihr Kinn auf ihre Hand und sieht zu einem jungen Paar in einer Ecke des Wartesaals hinüber.

Kurz vor der planmäßigen Ankunft des Busses stellt sie sich mit anderen Reisenden in einer kurzen Schlange an, wobei jeder ungefähr einen Meter Abstand zu den anderen hält. Die Frau wartet geduldig an fünfter Stelle, Handy, Zeitschrift und Bu
sticket in der Hand, bis der Bus kommt und seine Vordertür öffnet. Es ist jetzt 12.37 Uhr, die Frau besteigt den Bus.

Nachdem wir mit dieser Beschreibung eines alltäglichen Moments nach Hause gekommen waren, galt es darüber nachzudenken, was sich eigentlich während dieses fünfzehnminütigen Wartens auf einen Bus abgespielt hatte. Interessanterweise stellten wir fest, dass wir während unserer Versuche, Menschen in solchen Situationen zu beobachten, von der Langeweile und Unruhe unserer Beobachtungsobjekte heimgesucht wurden. Wir mussten feststellen, dass unsere Konzentration nachließ. Unsere Gedanken schweiften langsam ab, wir vergaßen, warum wir überhaupt dort waren, und begannen, an andere Dinge zu denken. Schließlich passierte ja scheinbar auch nichts, anders als in Situationen, in denen andere etwas tun – etwa, wenn das Warten ein Ende hat.

Etwas tun – aber was?

Wie viele andere Fälle von »Nichtstun« erwies sich das Warten als ein Phänomen, das nur schwer direkt zu studieren ist. Um diese profane Aktivität enttrivialisieren zu können, waren wir eindeutig auf alternative ethnografische Herangehensweisen angewiesen. Zu diesem Zweck hielten wir uns zunächst an Künstler, die das Warten gleichsam als ein merkwürdiges Land erforscht haben, wie etwa die schwedische Künstlerin Elin Wikström, die 1994 das Paradox des Wartens als einer passiven Aktivität zu einer Performance gestaltet hat. Sie trägt den Titel »Rebecka wartet auf Anna, Anna wartet auf Cecilia, Cecilia wartet auf Marie …«.

Für die Dauer der Performance kommen von Wikström ausgesuchte weibliche Mitwirkende zur festgesetzten Zeit in das Café einer Kunstgalerie und warten dort fünfzehn Minuten. Sie sitzen neben anderen Ausstellungsbesuchern an
einem Tisch, als ob sie als Erste zu einer Verabredung gekommen wären und nun auf ihr Rendezvous warteten. Gelegentlich schauen sie auf die Uhr, wühlen in einer Tasche herum oder lesen in einer Zeitschrift. Zur vereinbarten Zeit verlassen sie die Galerie wieder, eine nach der anderen, um durch andere Frauen ersetzt zu werden, die das Alltagstheater des Wartens auf jemanden, der nie eintrifft, fortsetzen. In dieser Aktion wird das Warten als sinnlose Mühe dargestellt. Die scheinbaren Erwartungen der Frauen werden nie erfüllt. Wikström...


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