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Hausers Bruder (eBook)

Paul Flemmings dritter Fall - Frankenkrimi.
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Produktdetails

Titel: Hausers Bruder (eBook)
Autor/en: Jan Beinßen

EAN: 9783869133492
Format:  EPUB
Paul Flemmings dritter Fall - Frankenkrimi.
ars vivendi Verlag

3. September 2007 - epub eBook - 255 Seiten

Paul Flemmings dritter Fall: Als der Kaspar Hauser-Experte Franz Henlein bei einem Autounfall in Ansbach ums Leben kommt, geht die Polizei von Selbstverschulden aus, doch der Fotojournalist Paul Flemming hat daran Zweifel. Diese erhärten sich, als kurz darauf der Heraldiker Dr. Helmut Sloboda tot in der Waffenkammer des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg aufgefunden wird; er hatte Henlein bei seinen historischen Forschungen unterstützt. Besteht ein Zusammenhang zwischen den beiden Todesfällen? Und welche Rolle spielt das angebliche Hemd Kaspar Hausers, das sich vermutlich in Henleins Besitz befand? Paul Flemmings dritter Fall führt ihn nicht nur zurück in die Zeit der Patrizierfamilien und des Zweiten Weltkrieges, sondern auch hoch hinaus, über die Dächer der Stadt.
Jan Beinßen, Jahrgang 1965, lebt in der Nähe von Nürnberg. Er hat zahlreiche Kriminalromane veröffentlicht. Bei ars vivendi erschienen bisher u.a. seine Paul-Flemming-Krimis »Dürers Mätresse« (2005), »Sieben Zentimeter«(2006), »Hausers Bruder« (2007), »Die Meisterdiebe von Nürnberg« (2008), »Herz aus Stahl« (2009), »Das Phantom im Opernhaus« (2010), »Die Paten vom Knoblauchsland« (2012), »Lokalderby« (2013), »Die Schäufele-Verschwörung« (2014) sowie der »Krimi-Snack« »Die Tote im Volksbad« (2013) und der Kriminalroman »Görings Plan« (2014).
www.janbeinssen.de

 

1

Irgendwie taten sie ihm leid, wie sie da so stumpfsinnig ihre Bahnen zogen. Dicht gedrängt, Leib an Leib. Ab und zu tauchten ihre Köpfe auf, so dass er die Augen sehen konnte, die nur dumpfe Gleichgültigkeit auszudrücken schienen.

Sie haben keine Ahnung von dem, was auf sie zukommt, dachte Paul Flemming, und das ist auch gut so. Dann löste er seinen Blick endlich von den Fischen im brusthohen Bassin.

Wegen der Karpfenernte war er an diesem herrlichen Spätsommertag extra früh aufgestanden, was für Paul an einem Samstag alles andere als üblich war. Nun stand er schon seit gut zwei Stunden am Valznerweiher, gähnte und beobachtete das Spektakel, das die Fischbauern vor einer Hand voll Journalisten, einigen lokalen Politikern und vielen neugierigen Besuchern veranstalteten.

Der weitläufige Teich war abgelassen worden. Das von Bäumen umsäumte, flache Becken breitete sich jetzt als schwarze, glitschige Schlicklandschaft vor ihnen aus. Die Fischbauern und eine Menge freiwilliger Erntehelfer wateten in kniehohen Stiefeln und Anglerhosen durch das Brackwasser. Bewehrt mit großmaschigen Käschern fischten sie die zappelnden Karpfen aus dem Morast.

Die Fische landeten allesamt in dem großen Bassin, das Paul gerade eben noch so fasziniert bestaunt hatte. In dem Frischwasser blieben die Karpfen so lange, bis sie verkauft wurden. Und einige, dachte Paul, während seine Nase einen feinen Küchendunst aus der nahen Gaststätte roch, würden in Bierteig gebacken sogar auf den Tellern der heutigen Zuschauer landen.

Sein Mitleid für die Fische verflog schnell, als er sich den erdig markanten Geschmack des weißen Fleisches unter einer knusprigen Panade vergegenwärtigte. Und bei dem Gedanken an frittierte Flossen, die sich knabbern ließen wie Kartoffelchips, lief ihm das Wasser im Mund zusammen.


Paul schlenderte betont langsam zu einem provisorisch aufgebauten Podium auf der anderen Seite des Fischbeckens hinüber. Dort trat gerade ein hinlänglich bekannter Landtagsabgeordneter gemeinsam mit dem Fischereiverbandsvorsitzenden vors Mikrophon. Paul hatte am Morgen schon genug Fotos gemacht, nun würde er nur noch den Ansprachen lauschen und einige Hintergrundinformationen für seine Bildtexte notieren. Damit wäre sein Job hier erledigt, und er konnte sich voll und ganz dem Wochenende widmen.

Der Verbandsvorsitzende begann: »Fast wäre es in diesem Sommer den Karpfen zu warm geworden. Der Klimawandel lässt grüßen!«, sagte er gestelzt. »Weil die Temperaturen im Juni und Juli so außergewöhnlich hoch waren, wurden unsere Teichwirte schon ziemlich nervös. Karpfen mögen eine Wassertemperatur von über fünfundzwanzig Grad nämlich überhaupt nicht.«

Der Fischexperte wurde immer leiser und war nun trotz der Verstärkeranlage nicht mehr gut zu hören. Paul trat also noch näher an das Podium heran. Im Bassin daneben wimmelte es von immer mehr stattlichen, grüngrau schimmernden Karpfen.

»Aber dann kam Gott sei Dank der Regen«, die Stimme des Verbandsvorsitzenden hob sich wieder. »Und die Qualität der Fische kann sich wahrlich sehen lassen: Fünf bis sechs Prozent Fettgehalt – das ist hervorragend.« Einige wenige Zuhörer klatschten Beifall.

Anschließend erzählte der Karpfenfachmann noch etwas von der dreihundertjährigen Erzeugertradition, von einer Produktionsmenge von jährlich zweitausendvierhundert Tonnen Karpfenfleisch allein aus Mittelfranken und wollte nach Pauls Erwartung gerade das Wort an den bereits ungeduldig auf seinen Füßen wippenden Landtagsabgeordneten übergeben, als ein außergewöhnliches Geräusch ihn abrupt inn
ehalten ließ.

Es war ein unheilvolles Knirschen, das sich schnell in ein ohrenbetäubendes Zischen verwandelte. Blitzschnell richtete Paul seinen Blick auf die dünnwandige Plastikhülle des Fischbeckens. Dann bemerkte er zu seinen Füßen die ersten Rinnsale.

Für jeden Fluchtversuch war es damit schon zu spät! Paul schaffte es gerade noch, seine teure Nikon in die Höhe zu reißen, als im selben Augenblick die Wand des Bassins nachgab und sich die sprudelnden Fluten auf das völlig überraschte Publikum ergossen.

Dröhnend donnerte die Gischt Kubikmeter um Kubikmeter aus dem Becken. Das Wasser schoss durch Pauls Beine hindurch und um sie herum und zerrte bedrohlich an seiner Hose. Über das Rauschen hatte sich das hysterische Geschrei einiger Damen in feinen Kostümen gelegt.

Während Paul verzweifelt versuchte, das Gleichgewicht zu halten und damit auch seinen Fotoapparat und die Digitalaufnahmen des Morgens zu retten, sah er, wie es den Landtagsabgeordneten und den Fischereiexperten erwischte: Eine hüfthohe Welle, aus der zuhauf wild schlagende Schwanzflossen auftauchten, riss die beiden Würdenträger mitsamt ihrem Stehpult zu Boden. Die Anzüge sind für immer ruiniert, dachte Paul und grinste schief.

Die fischreiche Flut ebbte so schnell wieder ab, wie sie gekommen war. Paul nutzte die allgemeine Konfusion, um die skurrile Szenerie mit seiner Kamera festzuhalten. Er fotografierte entsetzte Ehrengäste, zu deren Füßen Dutzende fette Karpfen zappelten, und Kinder, die den gestrandeten Fischen lachend an den Flossen zupften. Dazwischen rannten aufgeregt die Erntehelfer hin und her, die die Fische mit bloßen Händen einzufangen versuchten, um sie in kleinere Nebenbecken und eilig herbeigeschaffte Eimer zu setzen. Trotz des anfänglichen Schreckens, seiner nassen Hosen und aufgeweichten Schuhe begann der Vorfall
Paul zu amüsieren.

Seine gute Stimmung verflog jedoch sofort, als er im Blickfeld seines Suchers jemanden erkannte, der ihm hier und jetzt ganz und gar nicht in den Kram passte.

Paul setzte seine Kamera ab, als die hagere Gestalt auf ihn zusteuerte: Blohfeld verweilte bei der Betrachtung des durchnässten Pauls und lächelte dann schadenfroh. Obwohl ein sonnenverwöhnter Sommer hinter ihnen lag, war das Gesicht des Polizeireporters fahl geblieben und damit fast so grau wie seine viel zu langen Haare.

Paul nahm Blohfelds unerwartetes Auftreten skeptisch zur Kenntnis – jedesmal, wenn er es mit dem Reporter zu tun bekam, wurde er in Angelegenheiten verstrickt, die ihm bisher nichts als Unannehmlichkeiten beschert hatten. Mit seinem unweigerlich näherrückenden vierzigsten Geburtstag sehnte sich Paul nach einem geordneten und vor allem ruhigeren Lebenswandel. Blohfeld jedoch verkörperte das genaue Gegenteil dessen – und sein alarmierend süffisantes Lächeln ließ ganz sicher nichts Gutes vermuten.

Verschmitzt blickte Blohfeld ihn aus seinen kleinen, aber intelligenten Augen an. Dann deutete er auf Pauls durchnässte Kleidung: »Das müssen Sie aber in die Reinigung geben«, er hielt sich demonstrativ die schmale Himmelfahrtsnase zu. »Den Fischgeruch bekommen Sie sonst nie wieder heraus.«

Paul rang sich einen neutralen bis mäßig freundlichen Gesichtsausdruck ab. »Es hätte mir ja klar sein müssen, dass Sie hier aufkreuzen: Kein Unglück, ohne dass der Starreporter unseres geschätzten Boulevardblatts nicht sofort zur Stelle wäre.«

»Da überschätzen Sie meine Reaktionsfähigkeit aber ein wenig«, winkte Blohfeld ab und kickte einen inzwischen leblos am Boden liegenden Fisch mit der Fußspitze beiseite. »Sie waren nicht zuhause, und Ihr Nachbar Jan-Patrick war so freu
ndlich, mich hierher zu schicken.«

»Aber was wollen Sie von mir?«, wollte Paul wissen.

Anstatt zu antworten, deutete Blohfeld mit einer ausholenden Geste auf das Chaos um sie herum. »Verraten Sie mir erst mal, warum Sie neuerdings Fische anstatt nackter Frauen fotografieren?«

Paul schaute sich peinlich berührt um. »Blohfeld, lassen Sie Ihre Anspielungen! Sie wissen ganz genau, dass ich mir neben meinen Atelieraufnahmen etwas dazuverdienen muss.« Kleinlaut fügte er hinzu: »Und deshalb fotografiere ich auch für den Fischereifachverband.«

Der Reporter nickte mit wissendem Blick: »Genau wegen Ihrer Geldsorgen bin ich gekommen. Ich möchte, dass Sie einen Auftrag für mich erledigen. Einen anständigen.«

»Und warum haben Sie dann nicht einfach angerufen, wie es sonst Ihre Art ist?«, fragte Paul mit immer stärker aufkeimendem Misstrauen.

»Weil ich wusste, dass Sie den Auftrag dann sofort abgelehnt hätten.« Blohfeld grinste ihn süffisant an.

Paul stutzte. »Wenn Sie das bereits wussten, verstehe ich überhaupt nicht, weshalb Sie sich an einem Samstagmorgen extra hierher an den Valznerweiher bemüht haben.«

Blohfeld wählte einen sachlichen Tonfall: »Was bekommen Sie für Ihre Fischfotos? Der Stundenlohn dürfte wohl kaum über dem eines Zeitungsausträgers liegen – wenn Ihnen die Bilder nach diesem Fiasko hier überhaupt noch jemand abnimmt.« Blohfelds Stirn zog sich in Falten. »Sie führen einen extrem extravaganten Lebensstil, Flemming: Dieses Loft am Weinmarkt, die vielen Abende in teuren Restaurants und Bars, die kostspieligen Nachrüstungen Ihrer Studioausstattung – all das will doch bezahlt werden. Daher verstehe ich es nicht, warum Sie sich in letzter Zeit so beharrlich gegen meine Aufträge str&au
ml;uben. Wir bezahlen gut und pünktlich, wie Sie wissen.«

Paul mied den Blickkontakt mit Blohfeld, um nicht in Versuchung zu geraten, ihm über den Mund zu fahren.

»Ich sag es Ihnen: Weil ich durch Sie und Ihre Aufträge permanent in Schwierigkeiten gerate. Denken Sie nur an die Sache mit diesem Dürer-Bild oder den Fall mit den Bratwürsten.«

»Das ist doch alles Schnee von gestern«, tat Blohfeld das Gesagte ab. »Zugegeben: Das waren beides harte Nüsse. Aber letztendlich haben wir sie geknackt, und Sie konnten Ihre Exklusivfotos bundesweit mit einem satten Gewinn an den Mann...


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