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Swiss Re

und die Welt der Risikomärkte.
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Produktdetails

Titel: Swiss Re

EAN: 9783406655845
Format:  EPUB
und die Welt der Risikomärkte.
Herausgegeben von Harold James
Beck C. H.

4. Februar 2014 - epub eBook - 598 Seiten

Swiss Re wurde 1863 gegründet und ist der älteste noch existierende Rückversicherer der Welt. Am Beispiel des Traditionsunternehmens führt dieses Buch in die faszinierende Geschichte eines in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Zweigs der Versicherungsindustrie ein.

Berichte über Naturkatastrophen und von Menschen herbeigeführte Desaster nehmen in letzter Zeit einen immer größeren Platz in der Medienberichterstattung ein. Seitdem dies so ist, kommen vermehrt auch die Rückversicherer mit fachtechnischen Analysen zu Erdbeben, Wirbelstürmen, Tsunamis, Atomunfällen und der globalen Klimaveränderung zu Wort. Was aber steckt hinter dieser Industrie, die Milliarden zum Wiederaufbau von zerstörten Städten und Industrieanlagen beitragen kann, mit riesigen Beträgen die gesellschaftliche Überalterung versichert und auch noch dafür sorgt, dass die Hausratspolice jedes einzelnen nochmals gedeckt ist? Harold James, Peter Borscheid, David Gugerli und Tobias Straumann zeigen, wie sich das Prinzip der Rückversicherung seit dem 18. Jahrhundert herausbildete, wie globale Risikomärkte entstanden und wie sich in diesem Umfeld Swiss Re zu einem der führenden Rückversicherer der Welt entwickelte.
Harold James ist Professor für Geschichte an der Universität Princeton, USA.

Peter Borscheid ist Professor Emeritus für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Philipps-Universität in Marburg.

David Gugerli ist ordentlicher Professor für Technikgeschichte an der Eidgenössisch Technischen Hochschule Zürich (ETH).

Tobias Straumann ist Privatdozent an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich.

1. Anfangsjahre


Am Anfang waren es Feuer und Wasser, von denen – neben dem Krieg – die furchterregendsten Gefahren ausgingen. Ihnen traten die Gläubigen des christlichen Abendlandes zunächst mit Gebeten, Wallfahrten und Schenkungen entgegen, um ihren Gott zu bestechen und gnädig zu stimmen, dass er sie vor Schaden bewahre. In der Frühen Neuzeit griffen die Europäer außerdem, wenn auch recht zögerlich, zu noch wenig leistungsfähigen Formen der See- und Feuerversicherung. Im Zeitalter der Aufklärung dagegen suchten sie ihr Heil nicht mehr im Himmel, sondern entwickelten «wider die Götter» (Peter L. Bernstein) mit der Versicherung eine neue Sicherheitstechnik, um Gefahren und Risiken, denen sie sich aussetzten, kalkulierbar zu machen und Schäden auf möglichst viele Köpfe zu verteilen. Sie verfeinerten schließlich die moderne Versicherung zu einem vielversprechenden Schmerz-, Heil- und Stärkungsmittel, mit dem sich der Kontinent auch den rasch zunehmenden Risiken der beginnenden Industrialisierung entgegenstemmte.

Am Beispiel der Versicherungstechnik und Versicherungswirtschaft lässt sich zeigen, wie sich kulturelle Strömungen und organisatorische Neuerungen durch Staaten und über Grenzen hinweg ihren Weg bahnten und die Welt auf eine neue Weise zusammenbanden. Obwohl sich die neue Technik und die Netzwerke nicht nach Staatsgrenzen und Herrschaftssystemen richteten, waren sie doch nicht unabhängig von ihnen. Die Versicherungstechnik war zwar für keinen speziellen Kulturraum konzipiert worden, jedoch hatten ihre Schöpfer und Agenten ihr durch die Verbindung von Wissenschaft und Vernunft, Technik und neuartigen Organisationsmodellen ein spezifisch «europäisches» Gesicht gegeben, das ihrer weltweiten Verbreitung nicht nur förderlich war. Als Neuschöpfung verlangte es von den Menschen aus a
llen Kulturkreisen, ihre Einstellungen, Praktiken und Rationalitätsmuster zu ändern. Die «Kontaktzonen» (Mary Louise Pratt), in denen die Versicherung auf andere, traditionelle Formen der Risikoabsicherung traf und wo beide Formen miteinander rangen, verließ die abendländische Versicherung nicht immer als Siegerin, teils blieb sie sogar vollkommen unbeachtet. Die Versicherungswirtschaft musste und muss bis heute erkennen, dass es nicht nur den einen besten Weg gibt, Gefahren und Risiken vorzubeugen und Schäden zu beheben. Gleichwohl gelang es der Versicherung mit und teilweise gegen nationalstaatliche Eigeninteressen, ihre Technik und die ihr eigenen Regeln und Standards in der ganzen Welt mehr und mehr zur Anwendung zu bringen, andere Formen der Risikoabsicherung zurückzudrängen sowie einige widerstrebende Kulturen zur Übernahme hybrider Modelle zu bewegen. Vorrangiges Ziel der Versicherer und Versicherungswissenschaftler war es dabei, soziale, wirtschaftliche und auch globale Beziehungen durch Verwissenschaftlichung und Verrechtlichung zu rationalisieren sowie berechenbarer und sicherer zu machen. Die Expansion der Versicherungstechnik mit ihren Hintergründen, ihren Agenten und Opponenten ist Thema dieser Studie.

Die Versicherung ist typisch für jenes Denken und Handeln, das Europa groß gemacht hat. Sie war und ist bis heute geprägt von jenen Elementen, die den alten Kontinent zum Gestalter der modernen Welt haben werden lassen. In der Versicherung, der Lebensversicherung zumal, fanden die für die europäische Aufklärung typische Suche nach Gesetzmäßigkeiten, die statistische Erfassung natürlicher Vorgänge und die Vorhersage zukünftiger Entwicklungen einen prägnanten Niederschlag. Ihre Innovatoren waren überzeugt von der Berechenbarkeit der Welt, die nach Max Weber im Prinzip der rationalen Kalkulation zum Ausdruck kommt.[1] In
der Versicherung fließen eine Vielzahl unterschiedlicher Informationen über Risiken und Gefahren sowie weitgefasste institutionelle und individuelle Rahmenbedingungen zusammen, welche die Versicherungstechnik in quantifizierbare Kosten transformiert. So entwickelte sich die Versicherung zum idealen Begleiter für jenen neuen Menschen, der süchtig nach Neuem war, der jene neue Welt schuf, die an die Stelle der Tradition ein instabiles Gebilde setzte mit Arbeitsteilung, Individualisierung, neuen Verhältnissen und der Auflösung von alten. Auch verhalf die Versicherung dem Geld als Kommunikationsmittel der Wirtschaft zu wachsender Bedeutung und trug viel dazu bei, dass immer mehr Probleme als Kosten artikuliert und für eine Lösung vorbereitet wurden. Diese Welt des permanenten Fortschritts und der zunehmenden Ökonomisierung des Lebens wurde von den Aufklärern gefeiert, von anderen aber gefürchtet und gemieden und mit ihr die Versicherung. Etliche Kulturen werteten deren Berechnung der Zukunft als Eingriff in das Walten Gottes und als Sakrileg und lehnten speziell die Lebensversicherung ab. Sie leisteten finanziellen und rechtlichen, moralischen und ethischen Widerstand, weil die Versicherung tief eingriff in das Leben des Einzelnen wie auch in das von Gemeinschaften, da sie überkommene Formen des Zusammenlebens ebenso veränderte wie Moral und Ethik. Die Europäer dagegen verstanden die Versicherung als Teil des Fortschritts, an dem sie gemeinsam arbeiteten. Sie entstand denn auch als Gemeinschaftswerk von Wissenschaftlern aus zahlreichen Ländern Europas, die über alle Staatsund Kulturgrenzen hinweg kooperierten, angetrieben von scharfer Konkurrenz im Wettlauf um Ehre und Ruhm. Sie wurde zugeschnitten auf die neue weltgeschichtliche Epoche mit ihrer gewaltigen Effizienzsteigerung in Produktion und Transport. Sie war konzipiert für jene Menschen, die rational handelten, die sich verän
dern wollten und konnten, die ordentlich, fleißig und produktiv waren und Risiken einzugehen gedachten.[2]

Diese neuen Menschen fanden sich vor allem im Norden Europas, der seit dem 18. Jahrhundert dem Süden des Kontinents den Rang ablief und Macht und Reichtum an sich zog. Auch die moderne Versicherung nahm als Feuer- und Lebensversicherung auf kaufmännischer Basis hier ihren Anfang, während gleichzeitig die alte, im Süden entwickelte Seeversicherung in den an die Nordsee angrenzenden Ländern eine ganz neue Organisationsform und Leistungsstärke erhielt, um den Anforderungen des rasch zunehmenden Handels und der expandierenden Handelsnetze gerecht zu werden. Personen- und Sachversicherungen starteten hier ihren Siegeszug rund um den Globus. Von den Britischen Inseln aus folgten sie dem Handel und der europäischen Auswanderung, hatten vielfältige Hindernisse zu überwinden, setzten sich aber letztlich gegen andere Techniken der Risikobewältigung durch.

Die Anfänge – auf den Spuren des Zuckers


Der Schriftsteller Daniel Defoe, Autor von «Robinson Crusoe», beschäftigte sich als weitgereister Kaufmann eingehend mit den wirtschaftlichen und politischen Fragen seiner Zeit. In einem seiner Wirtschaftstraktate vermerkte er im Jahre 1726, die Engländer gäben mehr Geld für «Bauch und Bekleidung» aus als jedes andere Volk der Welt. Auch seien die Speisen der englischen Arbeiter fetter und ihre Getränke süßer als die ihrer Kollegen in Kontinentaleuropa. Was er nicht erwähnte: Im europäischen Vergleich hatten sie auch die schlechtesten Zähne. Einen Großteil aller seiner Waren importierte das Königreich aus seinen Besitzungen im Nordatlantik. Nach Defoe standen bei diesen Importen Zucker und Tabak an erster Stelle, nicht so sehr Baumwolle, Indigo oder Kakao.[3] Es war vor allem
Zucker aus der Karibik, das «Heroin unter den Nahrungsmitteln»,[4] das die Briten in sehr viel größeren Mengen als alle anderen Völker unter ihre Speisen und Getränke mischten. Zudem förderte der britische Staat, die Steuereinnahmen fest im Blick, den Absatz der aus Zuckerrohr gewonnenen Produkte. Seit 1731 erhielt jeder britische Seemann täglich einen Viertelliter Rum, gegen Ende des Jahrhunderts sogar einen halben Liter.[5] Zucker wurde zu einem effizienten Katalysator für das industrielle Wachstum in England sowie zu einer Plattform für den gesellschaftlichen Aufstieg einer Gruppe von Londoner Unternehmern. Diese gründeten ihren Reichtum auf den Anbau von Zuckerrohr auf Barbados und Jamaica sowie auf den Handel und die Weiterverarbeitung zu Zucker, Schnaps und Rum. Seit Ende des 17. Jahrhunderts galten die karibischen Kolonien als die am hellsten leuchtenden Kronjuwelen, da allein der Wert des aus Westindien nach England importierten Zuckers den aller Importe aus den nordamerikanischen Besitzungen um etwa das Dreifache übertraf.[6]

Das Zuckergeschäft erforderte im Gegensatz zum Tabakanbau aber eine Menge Kapital zum Erwerb und Betrieb der meist mehr als hundert Hektar großen Güter mit ihren teuren Mahlwerken, Kochkesseln, Bottichen und Destillieranlagen für Rum sowie an erster Stelle für den Kauf von Sklaven.[7] Das Zuckergeschäft war zudem ein risikoreiches Geschäft. Plantagen galten als höchst spekulative Unternehmen, und hohe Gewinne konnten rasch in Bankrott umschlagen. Schädlinge, Krankheiten und Wirbelstürme vernichteten ganze Ernten. Die Sklaven starben infolge der harten Arbeit früh, und Sklavenaufstände hinterließen zerstörte Plantagen und tote Besitzer. Vor allem aber waren das Eindampfen des Zuckerrohrsaftes auf den...


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