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Mein Vaterland war ein Apfelkern

Herausgegeben von Angelika Klammer.
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Produktdetails

Titel: Mein Vaterland war ein Apfelkern
Autor/en: Herta Müller

EAN: 9783446248359
Format:  EPUB
Herausgegeben von Angelika Klammer.
Herausgegeben von Herta Müller
Hanser, Carl Gmbh + Co.

29. September 2014 - epub eBook - 240 Seiten

'Ich stehe (wie so oft) auch hier neben mir selbst.' So begann Herta Müller ihre Tischrede nach der Verleihung des Nobelpreises. In einem langen Gespräch mit Angelika Klammer erzählt sie von ihrem ungewöhnlichen Lebensweg, der vom Kind, das Kühe hütet, bis zur weltweit bekannten Schriftstellerin im Stadthaus in Stockholm führt. Sie erzählt von der Kindheit in Rumänien, vom Erwachsenwerden und dem erwachenden politischen Bewusstsein, von den frühen Begegnungen mit der Literatur, den Konflikten mit der Diktatur des Kommunismus und dem eigenen Weg zum Schreiben. Mit ihrem Bericht vom Ankommen in einem neuen Land fällt auch ein ungewohnter Blick auf das Deutschland der 80er und 90er Jahre und auf die Gesellschaft, in der wir heute leben.

Herta Müller, 1953 in Nitzkydorf/Rumänien geboren, lebt seit 1987 als Schriftstellerin in Berlin. Ihr Werk erscheint bei Hanser. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist die Literaturnobelpreisträgerin 2009.

Der Reim weiß Bescheid


Die Härte innerhalb Ihrer Familie, die Schläge, das Abgestumpftsein setzen Sie in Verbindung zu dem, was Sie »Beschädigung« nennen, ausgelöst durch Lager und Krieg.

 

Die hatten alle ihren Schaden abgekriegt. Wenn ein Dorf so abgeschottet ist, so weit weg von der Welt, wie eine Kiste in der Landschaft steht, keine Asphaltstraße, nur diesen kurzen vorbeirauschenden Zug hat – alle wurden hier im Dorf geboren, haben geheiratet, Kinder gekriegt, auf dem Feld gearbeitet. Es wurde also gewohnt, gesät und geerntet und gegessen, bis die Erde einen fraß. Immer auf diesem Flecken Erde, keiner hat den Fuß von da weggehoben – mehr als dreihundert Jahre immer dasselbe. Dann aber wurden diese Bauern mit ihrer ganzen Unbedarftheit in die Welt verschleppt. Mein Großvater in den Ersten Weltkrieg, mein Vater in den Zweiten, meine Mutter ins sowjetische Arbeitslager deportiert. Krieg und Deportation zwang sie, das Dorf zu verlassen. Sogar die Tiere wurden zur Armee eingezogen. Mein Großvater hatte von seinen Pferden, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren, Totenscheine in Handschrift mit Stempel. Das habe ich als Kind nicht verstanden, dass es Todesurkunden für Pferde gab, aber nicht für Leute, die aus dem Krieg nicht wiederkehrten. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben viele für immer verschwunden. Sie galten als vermisst, weil es weder ein Lebenszeichen noch eine Todesnachricht gab.

Veronika war im Alter meiner Mutter und ihr Mann war vermisst. Es waren zwanzig Jahre seit dem Krieg vergangen und sie sagte noch immer: »Wenn der Wind nachts am Gassentor zerrt, ist es vielleicht doch mein Mann.« Sie wisse, dass der Wind nicht ihr Mann sei, sagte sie, aber im Unterschied zu seinem Tod seien der Wind und das Gassentor wirklich. Sie blieb ein ganzes Leben allein in ei
nem langen Haus mit vielen Zimmern, leeren Tierställen und Scheunen. Sie hatte fünf Perlhühner, weiß getupft wie Schnee auf grauer Seide, und einen Baum mit den frühesten Kirschen hinten im Hof. Sie klagte nicht über ihr Leben, wenn sie das mit dem Wind am Gassentor sagte. Sie hätte es gar nicht gesagt, wenn ich nicht gefragt hätte: »Hast du keinen Mann?« Sie legte auch keinen Wert darauf, dass ich das mit dem Wind am Gassentor verstehe. Eher dachte sie, dass ich noch zu klein bin, um mir zwanzig Jahre Warten auf einen Menschen vorzustellen. Auf meine Art verstand ich das schon, ein Wind am Gassentor konnte sehr wohl ein heimkehrender Mensch sein. Das war ganz normal, so wie in meinem Kopf alle Gegenstände und Pflanzen nachts im Dorf herumliefen. Ich war damals an die zehn Jahre alt, was zwanzig Jahre Warten ausmachen für eine Frau, wusste ich nicht. Nur dass man mit Unkraut und Gestrüpp laut reden und Blumen sogar mitten am Tag miteinander verheiraten kann. Das wollte ich Veronika nicht sagen. Ich hängte der Zeit zwar immer ein Maß an, damit sie sichtbar wird, aber das Maß »zwanzig Jahre« war nichts Konkretes. Und Veronika selbst war alterslos – vielleicht weil sie allein im Haus lebte. Ich war zu naiv, um ihre Situation und den Altersunterschied zwischen uns zu verstehen. Ich aß ihre frühen Maikirschen und es fiel mir nie dabei ein, dass mein ganzes bisheriges Leben nicht mal halb so lang wie ihr Warten war. Ich glaub, es tat ihr gut, dass ich das nicht kapierte, dass ich so unschuldig dumm war. Im Altersunterschied zwischen mir und ihr stand keine Distanz, nur die eleganten Perlhühner und das nie gesagte Wort »Einsamkeit«. Das Wort hätte man gar nicht sagen können, das gab es gar nicht im Dialekt. Es gab nur das Wort ALLEIN, »alleenig«, und das waren wir nicht, wenn wir miteinander sprac
hen. Wir wussten trotzdem voneinander, dass wir mit dem Wort »alleenig« ziemlich viel zu tun haben. Obwohl ich zwanzig Jahre Zeit nicht einschätzen konnte, war das Wort »alleenig« an Veronika sichtbar, es war ihr um den Mund herum gewachsen wie eine Eigenschaft. Ganz anders als an mir war es an ihr hell, so ein immer gleiches Sichdreinfinden. Ich glaube, anders als ich lebte Veronika im Einverständnis mit sich selbst und dem, was war. Sie gestand sich den Tod ihres Mannes ein und wartete trotzdem auf ihn, ohne dass er je zu kommen brauchte, solang es das Gassentor und den Wind gab.

Andere waren wiedergekehrt, fanden jedoch zu sich selbst nicht mehr zurück. Es verändert alles für immer, wenn jemand, der diese fünfzig Quadratkilometer Landschaft nie verlassen hat, von einem Tag auf den andern Tausende Kilometer weit in die Welt zieht. Mein Vater zog mit siebzehn mit Hitlers SS in den Krieg, er hat überlebt, ist ins Dorf zurückgekommen und dann nie wieder aus der Umgebung heraus, höchstens in die dreißig Kilometer entfernte Stadt. Er war LKW-Fahrer und hat den Dorfladen versorgt mit seinem klapprigen Lastauto, einem Rablament, wie er sagte. Wenn er losfahren wollte, musste eine zweite Person dasein und von unten mit der großen Kurbel den Motor anlassen, wenn der Motor aufheulte, die Kurbel schnell auf den Anhänger werfen, dann in die Kabine aufspringen und die Tür schnell mit einem Stück Draht einhängen, weil der Griff abgebrochen war. Und im Boden der Kabine war ein großes Loch, man sah die Erde mitfahren. Ich war sicher, dass das Auto steht, dass nur der Weg darunter fährt.

Und das einzige Mal, dass meine Mutter aus dem Dorf rauskam, war ihre Deportation zur Zwangsarbeit. Frauen, die wie meine Mutter die Deportation überlebt hatten, waren durch ihre Frisur und Kleidung von den Nichtdepor
tierten äußerlich klar zu unterscheiden: Die immer zu Hause Gebliebenen, weil sie bei der Deportation noch zu jung oder schon zu alt waren, also die Nichtdeportierten, trugen Zöpfe und die knöchellangen Faltenröcke. Und die Deportierten kurze Haare und kurze Kleider. Das war eine Zäsur.

 

Ein Zeichen von unüberbietbarer Klarheit, dass man an das Leben von vorher nicht mehr anschließen kann.

 

Im Lager wurden die Frauen fünf Jahre lang kahlgeschoren, mal als Strafe, mal der Läuse wegen. Und bei der Zwangsarbeit trugen sie dieselben groben russischen Lageranzüge wie die Männer. Keine dieser Frauen ließ sich danach wieder Zöpfe wachsen oder knöchellange Faltenröcke nähen, das sagt doch schon alles. Mit der Deportation waren dreihundert Jahre Bauerntracht vorbei, das musste niemand beschließen und konnte auch niemand mehr aufhalten. Das kam ganz von selbst, vom Überleben, von der Verstörung. Es war eine harte, klare Konsequenz, über die nie gesprochen wurde. Fünf Jahre Unterernährung, Wasser in Bauch und Beinen, das geht aus dem Kopf nicht mehr weg. Und noch was Gemeinsames der Deportierten: Sie hatten nur noch faule Zahnstümpfe im Mund, die mussten gezogen werden. Für alle Zeit trugen sie Zahnprothesen, und die schlotterten, weil bei chronischer Unterernährung auch das Zahnfleisch wegschrumpft. Nach der Heimkehr ließ sich meine Mutter mit ihren fünfundzwanzig Jahren als erstes beim Zahnarzt in der Kleinstadt zwei Prothesen machen, eine oben, eine unten. Und das taten die anderen auch.

 

Zu den Erfahrungen des Krieges und des Lagers, die die Menschen in Ost- und Westeuropa – bei allen Unterschieden – doch teilten, kommt, dass es in Rumänien nach 1945 mit Angst, Verfolgung, Unterdrückung und Terror nicht vorbei wa
r.

 

Ja, in der Nachkriegszeit und in den Jahrzehnten danach wurden in Westeuropa Demokratien geschaffen. Aber in Osteuropa Diktaturen, die Sowjets installierten ihr Gesellschaftsmodell, den Stalinismus. Militär, Polizei, Geheimdienst aller Osteuropäer wurden in Moskau ausgebildet. Osteuropa war voll mit stalinistischen Gefängnissen und Lagern. Die Russen haben in Osteuropa im Laufe der Jahrzehnte immer weiter Friedhöfe gemacht. Die Toten in den verschiedenen Ländern hat nie jemand zusammengezählt, die verdoppeln wahrscheinlich die Zahl der Toten des Gulags innerhalb der Sowjetunion. Wegen »antisowjetischer Hetze« wurden bis in die sechziger Jahre Tausende inhaftiert, körperlich und seelisch verkrüppelt oder zu Tode gefoltert. Und über das alles durfte man in Osteuropa bis 1989 nicht reden.

Im Zweiten Weltkrieg war Rumänien fast bis zuletzt mit dem faschistischen Diktator Antonescu an der Seite Hitlers, hat danach aber seine Geschichte geklittert, es hieß »an der Seite der siegreichen Sowjetarmee«. Als faschistischer Staat hat auch Rumänien seine jüdische Bevölkerung vernichtet. Wie unter den Nazis gab es die Rassengesetze, Ghettos, Pogrome, die Juden mussten den Davidstern tragen, wurden enteignet. Und Konzentrationslager in Transnistrien standen unter rumänischer Leitung.

Der Stalinismus sorgte für eine infame Verteilung der Schuld: Die deutsche Minderheit wurde für die Verbrechen belangt, die Rumänen aber gaben sich als Antifaschisten aus.

Unter diesen Umständen wurde das Schweigen zum Gesetz. Jede Äußerung über Erlebtes war gefährlich, das ging bis ins Private. Weil die Rumänen ihre Verbrechen leugneten, bestritt mein Vater die Verbrechen der SS auch vor mir, es gab harten Streit. Meine Mutter schwieg übers Lager, mein Großvater
galt dem Staat als »ausbeutende Klasse«, seine Felder, sein Kolonialwarenladen, seine Goldbarren wurden enteignet. Ein paar Goldbarren hatte er jedoch im Hof in den Brunnen gesenkt – darüber wurde an Winterabenden am Esstisch manchmal geflüstert. Jahre später wurde dann mal der Brunnen »geputzt«, also ausgepumpt, weil angeblich eine Katze hineingefallen war. Aber es war keine Katze hineingefallen, man wollte nach den Goldbarren sehen. Die waren nicht mehr da, die sind unauffindbar tief in die Erde gesickert, die schwimmen jetzt vielleicht im...


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