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Fundbüro

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Titel: Fundbüro
Autor/en: Siegfried Lenz

ISBN: 3455042805
EAN: 9783455042801
Roman. Nominiert für den Deutschen Bücherpreis, Kategorie Belletristik 2004.
Hoffmann und Campe Verlag

1. August 2003 - gebunden - 335 Seiten

Henry Neff verspürt trotz seiner jugendlichen vierundzwanzig Jahre keine Lust, auf der Karriereleiter nach oben zu kommen. Attraktive Angebote schlägt er aus und sucht stattdessen Unterschlupf im Fundbüro eines Hauptbahnhofs. "Mir genügt's, da zu bleiben, wo ich bin", ist sein Motto, und schon bald gewinnt er Gefallen an seinem neuen Arbeitsplatz, der reich an Kuriositäten und absonderlichen Vorkommnissen ist.Jeder Tag beschert ihm Begegnungen mit Menschen, die die unglaublichsten Dinge verlieren und liegen lassen. Mal vermisst ein Messerwerfer sein Handwerkszeug, mal tauchen im Zug zurückgelassene Liegestühle auf, und ein andermal wendet sich eine Schauspielerin hilfesuchend an Henry, weil sie ihr Textbuch nicht mehr findet. Um den "Besitznachweis" zu führen, fordert Henry sie mit dem ihm eigenen Charme auf, Passagen aus dem Theaterstück im Fundbüro zu rezitieren.
Siegfried Lenz' warmherziger Humor lässt die farbige Szenerie eines unvergleichlichen Schauplatzes vor die Leser treten - grundiert von einer zarten Symbolik des Verlierens und (Wieder-) Findens. Als Henrys Freund, der baschkirische Mathematiker Fedor Lagutin, dann aber von skrupellosen Gewalttätern bedroht wird und die Reformen der Bundesbahn den Arbeitsplatz eines Kollegen gefährden, muss Henry einsehen, dass sein Fundbüro keine Oase der Seligen ist. Er ergreift Partei und erkennt, dass das Leben mitunter dazu zwingt, sich einzumischen.
"Fundbüro" ist ein einnehmender, wunderbar erzählter Roman voll menschlicher Anteilnahme und liebenswertem Witz.
Ein Roman wird spannend, wenn sich nachvollziehbar gezeichnete Gestalten fiktiv in einer Welt der Fakten bewegen. Es ist jedoch putzig, von einer Bahn zu lesen, die es so nicht gibt oder höchstens in der Vorabendserie aus den Siebzigern, in denen Lenz erkennbar steckengeblieben ist. Jede Ähnlichkeit mit der Bahn-Wirklichkeit wäre nicht nur zufällig, sondern schrecklich. Es stimmt nicht ein einziges Detail, und ein halbwegs vollständiger Nachweis der ganzen Unglaubwürdigkeiten und Schnurren, die der Autor hier auftischt, würde den Rest der Rezension füllen.

Der verträumt und trödelig gezeichnete Jüngling Henry Neff und seine nicht minder tumben Kollegen vom "bahnamtlichen Fundbüro" handeln nicht aus sich selbst heraus, sondern sträuben sich erkennbar gegen die schwache Motivation, das sagen zu müssen, was ihnen der Autor an sprachlichem Sperrholz in den Mund zwingt. Was sie zu tun genötigt sind, hält keine Belastung durch Nachvollziehbarkeit geschweige denn Logik aus: Der junge Held, der mit seinem bizarren Verhalten keine Chance hätte bei einer "richtigen" Bahn, kommt über eine Fundsache in Kontakt zu einem russischen Wissenschaftler und schließt rasch innige, aber schwach motivierte, weil gemeinsamkeitslose Freundschaft mit ihm. Als eine Motorrad-Jugendbande, die das ganze Viertel terrorisiert, diesen Ausländer angreift, fasst sich auch Henry ein Herz und vertrimmt die Unholde. Dieses Geschehen sowie sein plötzlicher Einsatz für einen von der Entlassung bedrohten Kollegen bezeichnen den Wendepunkt in Henrys Werden, denn nun scheint seine Jugend vorüber zu sein. Er erkennt, dass er nicht weiter träumen und trödeln kann, sondern zum Erwachsenen werden muss, um endlich Karriere zu machen wie jeder andere auch. Damit schließt der Roman.

Das sind ja alles schöne Einzelheiten, die der Autor anhäuft, aber der Kitt, der das alles zusammenhalten soll: die Metapher vom Verlieren und Finden, bindet für meine Begriffe nicht. Wenn Lenz lieber bunte Geschichtchen erzählen möchte, die sich um einzelne Fundstücke ranken, warum bleibt er dann nicht bei diesen Anekdoten, erzählt sie meisterlich und verzichtet auf das Scheitern an der "großen Geschichte", die es in diesem Roman nicht gibt und auf ein Erzähltempo, dass zum Schluss hin mit seinen Möglichkeiten nicht mitkommt? Es riecht leicht nach den Mottenkugeln der Betulichkeit eines Autors, dessen ganz große Werke seit Jahrzehnten vorliegen und der leider auch diesmal weit hinter sich selbst zurückbleibt. Die literarischen Defizite erinnern schmerzlich an die Höhepunkte, die wir Siegfried Lenz verdanken und für die er zurecht zu den Großen der deutschen Literatur gezählt wird. Was also ist mit ihm los? Erzählerisch präsentiert er sich in meinen Augen als völlig am Ende. "Fundbüro" hab ich gelesen als die entsetzliche Karikatur eines Lenz-Romans.

© Andreas Reikowski


"Darum ist Henry Neff ein wunderbarer Buchhalter unserer moralischen Verlustanzeigen und «Fundbüro» ein schönes Gutenachtmärchen für Optimisten. Für die andern, die Pessimisten und Skeptiker einer moralischen Weltordnung, mag es trotzdem empfohlen sein als ein Katalog der Verluste, die vielleicht bald niemand mehr anzeigen wird, weil ihren Besitzern gar nicht auffällt, dass ihnen etwas abhanden gekommen ist, etwas so Altmodisches und Sperriges etwa wie Humanität."

Beatrix Langner in der NZZ, 9. Juli 2003

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