Ohne Übertreibung ist Der unsichtbare Freund eins der kuriosesten Bücher, das ich je gelesen habe. Im ersten Drittel ist es tatsächlich unheimlich und gruselig. Ein Roman, bei dem man abends nach dem Lesen noch ein paar Minuten das Licht anlässt. Aber dann driftet die Geschichte in einen völlig überzogenen, abstrusen Kampf zwischen Gut und Böse ab, dem ich mit immer größerem Widerwillen gefolgt bin. Auch da gibt es immer wieder mal spannende Momente bzw. interessante Szenen, aber am Ende war ich einfach nur froh, dass der Blödsinn endlich vorbei war.
Wo kommt dieser negative Eindruck her? Die Antwort ist recht simpel: Der Autor verfügt nicht über das nötige schriftstellerische Handwerkszeug, um die Geschichte fesselnd zu entwickeln und zu Ende zu bringen. Er startet gut (z. B. ist der Perspektivwechsel im ersten Kapitel super umgesetzt), lässt dann aber stark nach. Wirkung kann er nur über Szenen und Abläufe erzeugen, nicht über Sprache. Man merkt deutlich, dass er sein Handwerk ansonsten als Drehbuchschreiber ausübt. Dieses filmische Herangehen funktioniert im ersten Drittel, dem gruseligen Part, auch wunderbar. Aber danach wird es in der Häufung märchenhafter Horrorelemente einfach nur noch ermüdend.
Ausdruck dieser schriftstellerischen Hilflosigkeit sind auch die vielen Mätzchen, die er einbaut: Ein Satz zieht sich z. B. über 6 Seiten, je Seite ein Wort. Das Wort ZSCHHHH.... wird mit versetzten Buschstaben von oben nach unten so geschrieben, dass es aussieht, als krieche eine Schlange einen Baum herunter. Unterschiedliche Schriftgrößen und Typen werden immer wieder eingesetzt. Das mag ja alles ganz nett sein, kann aber Wortgewandheit nicht ersetzen. Käufern des ebooks sei allerdings geraten, die Schriftart im Verlagsstandard zu belassen. Alle anderen Varianten sehen auf dem Tolino deutlich schlechter aus.
Drei Sterne gibt es des gelungenen ersten Drittels wegen und weil die Idee für den Rest des Buches zumindest sehr ungewöhnlich ist. Der Roman wird gerne in einen Zusammenhang mit Stephen King gestellt und es wäre auch interessant zu lesen, was ein Vollblutschriftsteller wie dieser aus dem Stoff gemacht hätte. Im Vergleich mit dem Meister zieht Stephen Chbosky leider in allen Belangen den kürzeren.