Die abenteuerlustige Mila hat einen Hang zu Lost places , jenen verlassenen Orten, die früher einmal mit Leben gefüllt waren - jetzt sind es jedoch nur noch Ruinen, zerschlagene Fenster, verblasste Farbe, zerbröckelnder Stuck - bessere, glanzvollere Zeiten lassen sich nur noch erahnen.
Eines Tages findet sie im Thüringer Wald, am Rennsteig, im ehemaligen Grenzgebiet, Grundmauern eines großen Hauses, der Keller ist intakt und zugänglich, ein bißchen unheimlich ist das schon, doch Mila traut sich hinein - und findet Überreste eines Hotels Waldeshöh und der Besitzerfamilie Dressel. Sie findet diese Familie, stößt dort auf Ablehnung, niemand will an die Vergangenheit erinnert werden, doch Mila insistiert, sie will alles über diese verlassene Gegend erfahren, alles über das Waldeshöh ermitteln.
Damit sind wir gleich mittendrin in einer gut geschriebenen, spannenden Geschichte - im wahrsten Sinne - denn was Mila erfährt ist auch Teil unserer Geschichte, die nicht unter Schutt begraben werden soll, sondern die wir mit Mila hier neu erfahren können.
Kati Naumann hat selbst Familienbande bis in dieses einstmalige Sperrgebiet, ihre Großeltern lebten im thüringischen Sonneberg, an der innerdeutschen Grenze.
Die Autorin ist durch viele Kinder- und Jugendbücher bekannt, so ganz kann sie dieses Genre in diesem Buch nicht abstreifen, zu einfach und glatt fallen die entdeckten Mosaiksteinchen in ein vollständiges Bild. Doch gibt es auch wunderbare, tiefgreifende Schilderungen, vom Wald natürlich und vom Kriegsheimkehrer Arno, der traumatisiert, nur schwer wieder Zugang zum Leben und zu seiner Familie findet. Denn die Autorin erzählt diese Familiengeschichte auf zwei Ebenen, zum einen spielt ihr Roman im Hier und Jetzt, zum anderen macht sie geschickt Rückgriffe auf die Zeit zwischen 1945 - 1977.
Besonders hervorzuheben ist, dass mit diesem Roman auch jüngere Leute vom Neben-, Gegen,- Miteinander der beiden deutschen Staaten erfahren können. Schießbefehl, Stasispitzel, Passierscheine, Volksaufstand, Geschenke von leicht arroganten Westlern - wer weiß das schon noch so genau, wen kümmert das heute noch? Kati Naumann, mit Protagonistin Mila, führt uns gerne und gut in ihre, in unsere Vergangenheit.
Der Roman erscheint erstmalig als Taschenbuch, gleichzeitig mit dem neuen Buch Wo wir Kinder waren . Und es ist ganz klar: Das muss ich auch unbedingt lesen!