Was bleibt, wenn der Tod nur der Anfang ist?
So beginnt dieser außergewöhnliche Roman mit dem Ende. Denn Tequila Leila ist tot. Ermordet. Und während ihr Körper in einer Mülltonne liegt, rauschen die letzten Minuten ihrer Hirnaktivität durch ein ganzes Leben: Erinnerungen an Kindheit, Trauma, Gewürzduft und große Liebe.
So sehr Leila es auch dreht und wendet: Sie wurde ermordet. Schon dieser Satz lässt ahnen, wie eindrucksvoll Elif Shafak sich dem Thema Feminizid nähert. Aber sie bleibt nicht bei der Gewalt stehen. Sie gibt Leila und mit ihr all jenen, die in unserer Gesellschaft übersehen, vergessen, zum Schweigen gebracht werden ihre Stimme zurück.
In Unerhörte Stimmen entfaltet sich eine zutiefst berührende, melancholisch-schöne und zugleich schmerzhafte Geschichte, die zwischen Istanbul, Kindheitserinnerungen, religiösen Riten und patriarchalen Systemen pendelt. Es geht um Freundschaft, Prostitution, Macht, Gewalt, Liebe, Geschlechterrollen aber vor allem geht es darum, wie Menschen am Rande der Gesellschaft überleben. Und was es heißt, gesehen zu werden. Sie konnte noch nicht wissen, dass das Ende der Kindheit nicht mit den körperlichen Veränderungen während der Pubertät einherging, sondern mit der plötzlich einsetzenden Fähigkeit, das eigene Leben mit den Augen eines Außenstehenden zu betrachten. (S. 69)
Auch stilistisch ist der Roman ein Erlebnis: voller Sinnlichkeit, voller Kontraste. Der Geschmack von Ziegeneintopf, der Geruch von Kardamomkaffee, das Flirren zwischen Tod und Leben Shafaks Sprache ist atmosphärisch dicht und poetisch, ohne je überladen zu wirken. Zugleich scheut sie sich nicht, Gewalt und Machtmissbrauch zu zeigen aber nie voyeuristisch, nie sensationsheischend. Und immer mit Empathie. Für Leila. Für ihre Freund:innen. Für jene, die an den Rändern leben. Ich bin oft mit dem Körper eines Mannes in Berührung gekommen. Oder ist der Onkel kein Mann? (S. 154)
5 Gründe, warum dieses Buch gelesen werden muss:
Weil Elif Shafak es schafft, Marginalisierten eine Stimme zu geben und das voller Würde.
Weil die Freundschaft zwischen Leila und ihren Weggefährt:innen zeigt, dass Familie nicht immer Blutsverwandtschaft braucht.
Weil die Geschichte Istanbul nicht als exotisches Klischee malt, sondern als pulsierenden Ort voller Widersprüche.
Weil Literatur uns dazu bringen kann, anders hinzusehen tiefer, mitfühlender.
Weil es keine Stimme gibt, die zu klein ist, um gehört zu werden.
Fazit
Unerhörte Stimmen ist mehr als ein Roman es ist ein Mahnmal für jene, die zu früh gegangen sind, deren Leben ausgelöscht wurde, deren Geschichten verdrängt wurden. Und es ist ein zutiefst menschliches, eindrucksvolles Buch über das, was bleibt: Erinnerung. Liebe. Würde.
Ein Buch, das wehtut und genau deshalb gelesen werden sollte. Danke, Elif Shafak, für diese Stimme.