Die Erforschung und Verarbeitung der Geschichte der Besatzungszeit im Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg ist auch nach einem Jahrhundert noch von aktueller Bedeutung. In Erinnerung geblieben sein dürften vor allem Nachrichten von Übergriffen und Ausschreitungen der Besatzungssoldaten.
Die Besetzung großer Teile des Rheinlands und des Ruhrgebiets durch die Siegermächte wirkte natürlich nicht nur sehr unterschiedlich auf die Region ein, sondern beeinflusste auch die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg in Deutschland wie in Europa.
Inzwischen ist die Geschichte der französischen Zone gut erforscht, während die übrigen Zonen noch immer auf eine fundierte Erforschung warten. Am 27. Juni 2019 fand endlich in Köln die Tagung »Besatzungsherrschaft und Alltag im Rheinland Die belgische, britische und amerikanische Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg« statt, Diese Tagung war ein Gemeinschaftsprojekt der Niederrhein-Akademie, des Lehrstuhls für die Geschichte der Rhein-Maas-Region der Universität Duisburg-Essen und des Landschaftsverbandes Rheinland.
Inzwischen ist der zugehörige Tagungsband erschienen, der mit seinen Beiträgen die politische Organisation, die Herrschaftsstrategien und den Alltag der Besatzung untersucht. Die sehr informative Einleitung führt in die Thematik ein, bietet Anmerkungen und Hinweise zum Forschungsstand, konzeptionelle Überlegungen zu Besatzungsherrschaft und Alltag sowie eine Zusammenfassung der einzelnen Beiträge. Es folgt eine Zusammenstellung von Untersuchungen zur Geschichte rheinischer Städte in der Weimarer Republik. Die Beiträge selbst befassen sich mit Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg im Westen, mit der britischen Besatzung im Rheinland, mit der belgischen Besatzung im Rheinland, mit der Kontrolle von Dirnen und schlechten Weibern in Düsseldorf, mit der Ruhrbesetzung 1923-25, mit der deutschen Propaganda im Rheinland 1918-1930, ihren Strukturen, Inhalten und Intentionen sowie mit den Perspektiven einer Erforschung der Rheinlandbesetzung nach dem 1. Weltkrieg.
Der vorliegende Band ist um ein differenziertes, sachliches Bild der besetzten deutschen Gebiete bemüht. Darüber hinaus regt er weitere Forschungsvorhaben über die alliierte Rheinlandbesatzung und damit auch über die Zwischenkriegszeit in Europa an. Das Deutsche Reich und insbesondere das Rheinland sahen sich damals mit extremen Problemen konfrontiert, die als Folge der Besatzung durch Belgien, Frankreich, Großbritannien und die USA bewirkt wurden. Die Besatzungsstrukturen waren einem vielgestaltigen Wandel unterworfen, hervorgerufen etwa durch die Okkupation Düsseldorfs, Duisburgs und des Ruhrgebiets durch belgische und französische Truppen, durch den Rückzug der USA, durch die Räumung von besetzten Gebieten, durch Zonenverschiebungen und Besatzungswechsel. Dadurch ergab sich eine komplizierte Lage, die bis zum Ende der Besatzungszeit reichte und spätestens mit dem Einmarsch deutscher Truppen ins Rheinland endete.
Der Band informiert also allgemein und regional über eine spannende Epoche deutscher und vor allem rheinischer Geschichte, deren Spuren bis heute nachwirken.
Paul Wietzorek, in: der Niederrhein 80, 2021
Die Besetzung des Rheinlandes durch französische, britische, amerikanische und belgische Truppen begann nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und endete 1930. Die Herausgeber bezeichnen die Besetzung des Rheinlandes als »prekäre Herrschaft«, die »durch die asymmetrischen Machtbeziehungen zwischen Besatzern und Besetzten abgesichert« worden sei. Alliierte militärische und administrative Führungskräfte sicherten ihre Macht durch Aushandeln oder Zwang. Hingegen kann das alltägliche Verhältnis der Soldaten zur Zivilbevölkerung nicht auf einen Nenner gebracht werden.
Die Aufsätze erschließen ein breites Reservoir an auch emotional gesteuerten Verhaltensweisen. Die sechs Mikrostudien und ein ausführlicher Forschungsbericht orientieren sich an diesen beiden Polen. Da die Autoren sich auch aufeinander beziehen, wirkt das Buch thematisch wie eine Einheit.
Die regionalgeschichtlichen Studien würden ohne den historischen Kontext der europäischen und deutschen Geschichte, partiell sogar der Globalgeschichte, wenig aussagekräftig bleiben. Deshalb stellt Martin Schlemmer diesen in einem detaillierten Forschungsbericht präzise dar und zeigt ausführlich »Perspektiven und Wege der neuen Forschung« auf. Insgesamt leistet dieses Buch so einen wichtigen Beitrag zur Korrelation von Innen- und Außenpolitik der Besatzungszeit und weist zugleich auf Forschungsergebnisse und -desiderata hin.
Dieter Kempkens, in: Francia-Recensio 2021/2, 19. -21. Jahrhundert Histoire contemporaine
https://doi. org/10. 11588/frrec. 2021. 2. 81997