Christian Fürchtegott Gellerts "Das Leben der Schwedischen Gräfin von G***" gilt als ein Schlüsseltext des frühen deutschen Romans im Zeitalter der Aufklärung. In der Form einer rückblickenden Lebensbeichte entfaltet das Werk die Prüfungen einer adligen Frau zwischen Liebe, Ehe, Trennung, Tugend und gesellschaftlicher Verpflichtung. Sein Stil verbindet empfindsame Innigkeit mit moralischer Reflexion; in der Nähe Richardsons und der europäischen Briefromankultur entwickelt Gellert eine Prosa, die nicht bloß unterhält, sondern sittliche Urteilskraft einübt. Gellert, 1715 geboren und als Professor in Leipzig berühmt, war einer der meistgelesenen deutschen Autoren des 18. Jahrhunderts. Seine Fabeln, geistlichen Lieder und moralischen Schriften zeigen denselben pädagogischen Impuls wie dieser Roman: Literatur soll das Herz bilden. Seine pietistisch gefärbte Frömmigkeit, seine Kenntnis bürgerlicher Lesekreise und sein Interesse an weiblicher Bildung prägen die Gestalt der Gräfin und die ethische Anlage der Erzählung. Empfohlen sei dieses Buch allen, die die Entstehung des deutschen Romans verstehen möchten. Es bietet ein eindrucksvolles Dokument aufklärerischer Erzählkunst, in dem Gefühl, Vernunft und Moral zu einer ernsthaften, zugleich bewegenden Lektüre zusammenfinden.