Märchen & Sagen vom Meer versammelt Erzählungen, in denen das Meer als Naturmacht, Schicksalsraum und Spiegel menschlicher Sehnsucht erscheint. Zwischen Volksüberlieferung, romantischer Sage und kunstvoll gestalteter Märchenerzählung entfaltet das Buch eine maritime Poetik des Wunderbaren: Nixen, Geisterschiffe, versunkene Reiche und gefährliche Küsten werden nicht bloß dekorativ, sondern als Zeichen für Grenzerfahrungen, Schuld, Erlösung und Verwandlung eingesetzt. Stilistisch verbindet der Band anschauliche, oft bildkräftige Prosa mit der Erzählhaltung des 19. Jahrhunderts, die mündliche Tradition literarisch ordnet und zugleich bewahrt. Alexander von Ungern-Sternberg, baltisch-deutscher Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, entstammte einer adligen Welt, in der europäische Bildung, regionale Überlieferung und historische Erinnerung eng miteinander verbunden waren. Seine Herkunft aus dem Ostseeraum, seine Nähe zu vielsprachigen Kulturlandschaften und das romantische Interesse seiner Zeit an Volkssagen dürften seine Hinwendung zu Meeresstoffen wesentlich geprägt haben. In seinen Texten wird das Meer zum kulturellen Gedächtnisraum. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die Märchen nicht als bloße Kinderlektüre, sondern als symbolisch dichte Literatur verstehen. Es bietet einen reizvollen Zugang zur maritimen Imagination der Romantik und zur Sagenwelt des Nordens.