Gertrude Aretz' Elisabeth von England (Das Werden einer Königin) zeichnet nicht die triumphierende Herrscherin in fertiger Majestät, sondern den gefährdeten Prozess ihrer Formung. Im Mittelpunkt stehen Kindheit, dynastische Unsicherheit, religiöse Spannungen und höfische Intrigen, aus denen Elisabeth I. ihre Kunst der Selbstbeherrschung, des Schweigens und der politischen Berechnung entwickelt. Aretz verbindet erzählende Biographie mit kulturhistorischer Deutung; ihr Stil ist klar, anschaulich und psychologisch interessiert, zugleich dem historischen Porträt der Zwischenkriegszeit verpflichtet. Die Autorin Gertrude Aretz gehörte zu den deutschsprachigen Biographinnen, die bevorzugt außergewöhnliche Frauengestalten der europäischen Geschichte darstellten. Ihr Interesse galt weniger der bloßen Chronik als der inneren Logik eines Lebens unter gesellschaftlichem Zwang. Gerade Elisabeth bot ihr ein ideales Sujet: eine Frau, die in einer männlich dominierten Machtordnung überleben musste und aus Verletzlichkeit politische Souveränität gewann. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die Tudor-Geschichte nicht nur als Abfolge dramatischer Ereignisse, sondern als geistige und charakterliche Entwicklung verstehen möchten. Aretz macht sichtbar, wie aus Bedrohung Haltung, aus Beobachtung Regierungskunst und aus persönlicher Gefährdung königliche Autorität erwuchs.