Mark Twains Der Prinz und der Bettelknabe entfaltet im England des 16. Jahrhunderts eine kunstvoll konstruierte Verwechslungsgeschichte: Der junge Edward Tudor und der arme Tom Canty tauschen, einander verblüffend ähnlich, ihre Rollen und geraten in die gegensätzlichen Welten von Hof und Elend. Twain verbindet historischen Abenteuerroman, satirische Gesellschaftskritik und moralische Parabel. Sein klarer, ironisch geschärfter Stil macht Macht, Recht und Identität als soziale Inszenierungen sichtbar. Mark Twain, 1835 als Samuel Langhorne Clemens geboren, kannte die Spannungen zwischen demokratischem Ideal und sozialer Ungleichheit aus eigener Erfahrung im Amerika des 19. Jahrhunderts. Seine Laufbahn als Drucker, Lotse, Journalist und Reisender schärfte seinen Blick für Klassenunterschiede, Heuchelei und institutionelle Gewalt. Gerade diese Beobachtungsgabe dürfte ihn befähigt haben, die Tudorzeit nicht antiquarisch, sondern als Spiegel moderner Gesellschaften zu gestalten. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die historische Erzählkunst mit intellektuellem Gewinn verbinden möchten. Hinter der spannenden Handlung steht eine präzise Frage nach Gerechtigkeit: Was geschieht, wenn Herrschaft plötzlich Armut erfahren muss? Twains Roman bleibt deshalb zugleich zugänglich, unterhaltsam und erstaunlich gegenwärtig.