Unter allen großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts stellt Herbert von Karajan (1908-1989) wohl die weltweit berühmteste, zugleich aber am schwersten fassbare Erscheinung dar. Auch wenn eine solche Feststellung paradox erscheint, ist sie angesichts der tiefen Widersprüche in der persönlichen und künstlerischen Biografie der Ausnahmebegabung Karajans berechtigt. Unter Berücksichtigung alter und neuer Dokumente entwirft das Buch von Wolfgang Rathert ein differenziertes und zeitgemäßes Bild der komplexen Persönlichkeit Karajans und fasst diese Widersprüche unter der Dialektik von Macht und Ohnmacht. Im Nationalsozialismus begann Karajans Aufstieg; als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Nachfolger Furtwänglers und in strategischer Allianz mit der prosperierenden Tonträger-Industrie konnte der "Generalmusikdirektor Europas" seine Karriere ab der Mitte der 1950er Jahre in beispielloser Weise entfalten. Auf der anderen Seite führte sein Anspruch, eine objektivierende, in jedem Detail von ihm kontrollierte Interpretation zu realisieren, zu unausweichlichen Konflikten - mit Personen und Institutionen (am Ende als Bruch mit den Berliner Philharmonikern), als hybride, übermenschlich anmutende Personalunion von Dirigent, Regisseur, Intendant und Unternehmer sowie schließlich als resignatives Abarbeiten an der technologischen Utopie der perfekten Aufführung. Ob Karajans Vermächtnis das eines Interpreten, eines Technik-Visionärs oder vielleicht sogar das eines Musikpolitikers ist, bleibt daher diskussionswürdig. Die Reihe "SOLO - Porträts und Profile" lädt dazu ein, die Künstlerinnen und Künstler der "klassischen" Musik kennenzulernen. Erstmals auf dem deutschsprachigen Buchmarkt stehen hier internationale Interpretinnen und Interpreten des 20. und 21. Jahrhunderts im Mittelpunkt. Jedes Buch porträtiert in gut zugänglicher und kompakter Form eine Musiker-Persönlichkeit: Dirigentinnen und Dirigenten, Solistinnen und Solisten, Sängerinnen und Sänger. Biografie und Karriere werden ebenso vorgestellt wie wesentliche Merkmale des individuellen Musizierens. Eine Einordnung des künstlerischen Profils rundet die fundierten Darstellungen ab. Die Autorinnen und Autoren der Reihe sind auf ihrem jeweiligen Gebiet ausgewiesene Fachleute und kommen aus Forschung und Praxis.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Kunst Macht Politik
Phänomen und Phantom Rätsel, Charisma und Entzauberung
2 1908 1934: Salzburg, Wien, Ulm
Salzburg und Wien Faszination der Technik Ulm Exkurs I: Partei- oder Karteimitglied? Karajans Mitgliedschaft in der NSDAP
3 1934 1942: Die erste Karrierestation Aachen
Aachen als Musikstadt Karajans Start Bekenntnis zum Nationalsozialismus Die Grenzland-Ideologie Einsatz für die Zeitgenossen Deutsche Seele und Expansionsdrang Künstlerische Partner in Aachen Karajan als Opernregisseur Aachener Nachklänge in Wien Die erste Ehe
4 1938 1945: Aufstieg zur Macht
Die Eroberung Berlins Heinz Tietjen Gustaf Gründgens Von der Nülls Karajan-Deutung Die "Meistersinger"-Kontroverse Erfolge in Rom und Paris Die zweite Ehe Der (angebliche) Parteiaustritt Goebbels und Karajan Verteidigungsstrategien I Bruckner-Pflege in Linz Kriegsende Exkurs II: Das Entnazifizierungsverfahren
5 1946 1970: Zwischenstationen
Partnerschaft mit Walter Legge Fantasie und Selbstzucht Die Wiener Symphoniker Karajan und Harnoncourt Die Internationalen Musikfestwochen Luzern Italien: Die Mailänder Scala und die RAI-Orchester Exkurs III: Karajan und die zeitgenössische Musik Ein kurzes Gastspiel auf dem Grünen Hügel Coda: Ein zweites Mal Paris
6 1947 1989: Das Salzburger Imperium
Historische Kontexte Ante portas Vertragsverhandlungen Am Ziel Die Osterfestspiele Die Kehrseite des Erfolgs Kunstreligion und Kommerz
7 1957 1989: Ein moderner Renaissancefürst. Karajan und Wien
Krisen und Rücktritte Kunstwirtschaft und Kartell Jenseits und nach der Staatsoper
8 1955 1989: Triumph und Scheitern. Die zweite Berliner Ära
Eine schwierige Beziehung " für unbestimmte Zeit" Ein fait accompli Eine filmreife Szene Proteste in den USA Verteidigungsstrategien II Das magische Plus Ein unvergessliches Konzert Diktator und Sisyphos Exkurs IV: Karajans Musikfilme Respekt vor dem Gesetz
9 Vermächtnis
Sachlichkeit und Metaphysik Eine technokratische Ästhetik In allen Sätteln gerecht sein Domestizierte Wildheit oder rhythmische Differenziertheit Vom Umgang mit der musikalischen Zeit Karajans Wagner Schicksal statt Politik Perfektionierung der Aufnahmetechnik Le roi est mort! Vive le roi?
Diskografie, Inszenierungen, Filmografie
Bibliografie
Zeittafel
Bildnachweis
Dank
Personenregister